Freitag, 1. Oktober 2010

Die Grenzen der Ironie im Simplicissimus von Grimmelshausen

Die Arbeit zu den Grenzen der Ironie im Simplicissimus Teutsch von Grimmelshausen beschreibt die Ironie als ein wesentliches Strukturmittel des Romans, das in den Momenten der Reflexion, in denen sich die erzählte Figur der eigenen Kontingenz schmerzlich bewusst wird, an seine Grenzen kommt.

Arbeit: Die Grenzen der Ironie in Grimmelshausens Simplicissimus

Einleitung
Es ist ein seltener Konsens in der Grimmelshausen-Forschung, dass sich die simplicianischen Romane satirischer Mittel bedienen. So weit geht der Konsens, weiter nicht.

Dies liegt zum einen darin begründet, dass der Begriff der „Satire“ uneindeutig ist. Er bezeichnet sowohl eine bestimmte Haltung des Erzählers gegenüber der Darstellung, als auch eine Gattungstradition oder besser: nicht nur eine, sondern mehrere Gattungstraditionen, in die sich die satirischen Werke einordnen lassen.1

Zum anderen ist der mangelnde wissenschaftliche Konsens auch in der entschieden uneindeutigen Anlage der simplicianischen Romane, insbesondere des Simplicissimus Teutsch begründet. Die Darstellung des Satyrs auf dem Titelkupfer mit seinen eigentümlichen Hörnern und langen Ohren verweist explizit auf die Tradition der Satire, deren Herkunft die zeitgenössische Etymologie von den griechischen Satyrn ableitete.2 Doch die Darstellung auf dem Titelkupfer ist keineswegs eindeutig. Lediglich Kopf und Fuß verweisen auf die traditionellen Satyr-Darstellungen, woraus Gersch den Schluss zieht, dass der Roman „von Kopf bis Fuß als Satire“3 zu beurteilen sei. Aber „Kopf bis Fuß“ setzt überlicherweise eine Linie voraus, die sich durch den ganzen Körper zieht, während „Kopf mit Fuß“ eher einen Rahmen schafft, der etwas umfasst, aber nicht durchdringt. Gersch selbst ist es, der das Objekt auf dem Titelkupfer als „Monstrum“ bezeichnet, das sich jeder einseitigen Deutung entzieht. So erscheint auch die Tradition der Satire ironisch gebrochen, ja wörtlich zwischen Kopf und Fuß durchtrennt.

Weitere eindeutige Anspielungen auf die Tradition der Satire finden sich in der Vorrede zur Continuatio des Simplicissimus. Darin verwahrt sich der Erzähler gegen die rein erlebende Lektüre seiner Geschichte. Sie soll immer reflektierend sein, sonst werde der Leser „bey weitem nicht erlangen / was ich ihn zuberichten aigentlich bedacht gewesen“4. Ganz im Sinne des satirischen Diktums, „mit Lachen die Wahrheit zu sagen“, werden die „possierlichen“ Momente der Erzählung durch ihre metonymische Beziehung zum moralischen Gehalt gerechtfertigt. Sie sollen den Leser, der für ernste Ermahnungen nicht empfänglich ist, vorsichtig und unterhaltsam an die Grundsätze eines tugendhaften Lebens heranführen. Wenige Zeilen vor diesem Verweis auf eine traditionelle Poetik5 fiel der poetologische Fachbegriff „Satyricè“ in einem anderen Kontext, und zwar in einer Weise, die den behaupteten moralisch-didaktischen Anspruch unterminiert. „Jch me ochte vielleicht auch beschuldigt werden / ob gienge ich zuviel Satyricè drein; dessen bin ich aber gar nicht zuverdencken / weil me anniglich lieber gedultet / daß die allgemeine Laster Generaliter durch gehechlet und gestrafft: als die aigne Untugenden freundlich corrigirt werden...“ (S. 563–564). Dem ersten Vorwurf, dass er zu lustig erzähle, ist der Erzähler mit dem didaktischen Anspruch, die Leser zu bessern, begegnet. Den zweiten Vorwurf, dass er der Darstellung von Lastern zu viel Raum gebe, versucht er durch den Hinweis zu entkräften, dass die Leser viel lieber das Verhandeln fremder Laster dulden als den eigenen Untugenden nachgehen. Diese zweite Aussage stellt das satirische Programm auf den Kopf, denn sie ironisiert die Voraussetzung der ersten Aussage, dass sich die Menschen durch die Lektüre von Lastern bessern ließen. Wenn die Menschen nicht ungern von fremden Lastern hören, ja sogar Genuss dabei empfinden, umso widerwilliger aber ihr eigenes Verhalten bedenken, welche Verbindung besteht dann noch zwischen den fremd-vermittelten und persönlich-gelebten Lastern? Hier deutet der Erzähler an, dass seine satirische Darstellung Selbstzweck ist.

Der Simplicissimus kann nicht auf eine satirische Tradition oder Haltung reduziert werden. Auf diesem Grundsatz baut die Kritik Andreas Merzhäusers an den sogenannten „Traditionalisten“ in der Grimmelshausen-Forschung auf.6 Das vergleichende Einordnen eines Werks in eine Traditionslinie, so argumentiert er, kann nicht die alleinige Aufgabe der Literaturwissenschaft sein. Eine Tradition wie die menippeische Satire, die Stefan Trappen in Grimmelshausen und die menippeische Satire nachzeichnet, kann die Partikularitäten einer Dichtung, die Elemente, die gerade nicht zeit- und traditionsgebunden, sondern eigentümliche Qualitäten eines Werks sind und vielleicht erst von den Nachgeborenen geschätzt werden können, nicht erklären. Ein einseitig traditionalistischer Zugang hat vielmehr die Tendenz, den kontextuellen Bezügen breiten Raum zu geben, den besonderen Qualitäten dagegen wenig. Merzhäuser wendet sich gegen die Traditionalisten, die den Simplicissimus einseitig als Moralsatire lesen.7 Er zeigt auf, wieviel Gewicht im Simplicissimus die Verarbeitung persönlicher Erfahrung (vor allem von Krieg und Gewalt) erhält, die nicht einfach von einer gelehrten Didaktik aufgewogen wird. Das christlich-didaktische Schreiben schafft „in Ermangelung fester Regeln“8 für ein erfahrungsgegründetes Erzählen die Voraussetzung und den Rahmen, der immer wieder ironisch überschritten wird (Transgression). Diese Erfahrung schlägt sich jedoch nicht unmittelbar im Text nieder, sie erscheint vermittelt durch die selektive und kontextbedingte Übernahme tradierter Texte.

Es ist deshalb nach Merzhäuser genauso falsch, den Simplicissimus als realistischen Erfahrungsbericht wie als traditionelle Moralsatire zu lesen. Zwischen diesen beiden Lesarten sucht er nach einem Mittelweg, dem auch ich mich in dieser Arbeit anschließe. Ich sehe in der Ironie das entscheidende Stilmittel von Grimmelshausens satirischer Methode, das seine Stellung zwischen Tradition und Transgression bestimmt. Die Ironie ist einerseits das wesentliche Gestaltungsmittel der satirischen und pikaresken Tradition.9 Grimmelshausens Darstellung der Verkehrten Welt, das eigentliche „Grundgesetz seines satirischen Schreibens“10, ist ironisch, weil sie ständig auf den Gegensatz der dargestellten Welt zur tradierten Norm und zu utopischen möglichen Welten verweist. Die Beschreibung der Welt als anders denn nötig oder möglich schafft aber ein ironisches Kontingenzbewusstsein, das auch vor der Norm und der Utopie selbst nicht Halt macht und beständig die Tendenz hat, die satirische Intention zu überschreiten.

Wie weit, so stellt sich mir deshalb die Frage, geht die Ironie im Simplicissimus, und wo sind ihr Grenzen gesetzt? Im ersten Teil meiner Arbeit stelle ich den Begriff der Ironie bei den beiden Denkern Kierkegaard und Richard Rorty dar, nicht nur deshalb, um vor der eigentlichen Textarbeit eine theoretische Vorstellung vom Gegenstand zu haben. Beide Denker haben der Ironie nämlich eindeutige Grenzen gesetzt, und der Hinweis darauf, wie sie dies taten, kann uns Aufschluss über die Begrenzung der Ironie im Simplicissimus geben. Der zweite Teil meiner Arbeit besteht in der Textanalyse. Anhand ausgewählter Abschnitte aus dem Simplicissimus versuche ich die Formen der Ironie im Roman herauszustellen, und dann, in einem nächsten Schritt, die Grenze nachzuzeichnen, wo die ironischen Kontraste aufgehoben werden.

Fußnoten
1 Eine Zusammenfassung zur Theorie der Satire gibt Brummack, Begriff und Theorie der Satire.
2 Gersch, Literarisches Monstrum, S. 44–45
3 Ebd., S. 46.
4 Grimmelshausen, Simplicissimus Teutsch, S. 564. Im Folgenden beziehen sich die Seitenzahlen im Text auf diese
Ausgabe.
5 Das Bild von der „verzuckerten Pille“, das auf Lukrez zurück geht, wird unter anderem auch bei Moscherosch und
Sorel zitiert, vgl. Trappen, Grimmelshausen, S. 79 und 197.
6 In seiner Rezension zu Stefan Trappen, Grimmelshausen, und in seiner Studie, Satyrische Selbstbehauptung.
7 Für diese Haltung stehen exemplarisch Tarot, Grimmelshausen als Satiriker und Trappen, Grimmelshausen, vgl.
Merzhäuser, Satyrische Selbstbehauptung, S. 14–18, 133.
8 Ebd., S. 45.
9 Vgl. Guillén, Definition, S. 81, und Knight, Satire, S. 52.
10 Honold, Travestie und Transgression, S. 207.