Donnerstag, 3. Dezember 2009

Der humanistische Brief. Das öffentliche Leitmedium der Humanisten

Briefe zu schreiben gehörte zu den Lieblingsbeschäftigungen der Humanisten. Die res publica literaria war eine Gemeinschaft von Gelehrten aus ganz Europa, die nur die Liebe zur klassischen Literatur und Sprache einte – und der Brief: Er vernetzte die Humanisten und trug ihre Ideen in die Öffentlichkeit.

August 1518. Der große humanistische Gelehrte Erasmus von Rotterdam war gerade abwesend, als sein junger Freund und Mitarbeiter Beatus Rhenanus zur Tat schritt. Er entdeckte in der Bibliothek des Meisters zufällig seine Briefsammlung und beschloss, die herausragendsten Fundstücke darunter zu veröffentlichen – Briefe von Erasmus selbst und die Antworten aller bedeutenden Gelehrten seiner Zeit. „Was mich ermutigte, die Briefe zu stehlen“, schrieb Beatus im Vorwort der Auctarium selectarum epistolarum, „war der Gedanke, dass die Überreichen nicht bemerken, wenn ihnen etwas abhanden kommt. Und so dachte ich, dass Erasmus, der so reich begabt ist mit den Schätzen der Musen, nicht bemerken wird, wenn ich mich davon bediene.“1

Es ist wenig wahrscheinlich, dass sich die Veröffentlichung dieser Briefe so zugetragen hat, wie uns Beatus Rhenanus glauben lassen will. Tatsächlich war Beatus von Erasmus mit der Herausgabe betraut worden, und es war Erasmus selbst, der die Briefe zur Veröffentlichung bestimmt und ausgewählt hat. Vor diesem Hintergrund stellt sich umso dringlicher die Frage: Warum dieses Vorwort? Warum diese Figur des Inoffiziellen, Unautorisierten? Die Beantwortung dieser Frage führt vom persönlichen Briefwechsel des Erasmus weg zum Status des humanistischen Briefes insgesamt: seinem eigentümlichen Charakter zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und der Funktion, die ihm bei der Konstituierung der humanistischen Gemeinschaft zukam.

Briefsammlungen
Die Redaktion und Veröffentlichung seiner Briefe war für Erasmus mehr Pflicht als Vergnügen. 1509 hatte ihm ein Freund ein Bändchen seiner eigenen Briefe zugeschickt mit dem Hinweis, dass er es in einer römischen Buchhandlung gekauft hätte – Erasmus zerriss es sofort vor Ärger. Als weitere unautorisierte Editionen erschienen, beschloss er aus Not, die Redaktion seiner Briefe selber in die Hand zu nehmen. Die Nachfrage war so groß, dass ein Ankämpfen dagegen aussichtslos er­schien. Seit 1515 veröffentlichte Erasmus in Jahresabständen zunächst recht schmale, dann immer umfangreichere Teile seiner Korrespondenz, die auf dem Buchmarkt so gefragt waren wie fast nichts anderes zu jener Zeit.

Erasmus übertrug die Arbeit an den Briefeditionen seinen Schülern und Mitarbeitern, wachte aber sehr genau darüber, welche Briefe seiner Korrespondenz veröffentlicht wurden und in welchem Licht sie ihn präsentierten.2 Alle großen Humanisten pflegten diese Kultur der öffentlichen Selbstvermarktung, korrigierten und glätteten ihre Briefe vor der Veröffentlichung und veröffentlichten Briefe, die sie nie verschickt haben. So gipfelt die Briefsammlung von Conrad Celtis in der poetischen Ansprache an seine Geliebte Hasilina, die, wie nachgewiesen wurde, nie gelebt hat. Gleichzeitig waren die Humanisten darauf bedacht, ihren Briefsammlungen den Charakter des Arbiträren und Spontanen zu geben: durch die Vorworte genauso wie durch eine häufig nicht erkennbare Logik in der Auswahl und Abfolge der Briefe.

Zunächst schrieb sicher der Gestus der Bescheidenheit diese Aufmachung vor. Die Briefsammlung des Auctarium etwa vermittelt einen sehr vorteilhaften Eindruck von der großen Zahl und der hochrangigen Qualität von Erasmus’ Freunden. Neben Briefen von ihm und vereinzelten Antworten sind auch drei Briefe namhafter Gelehrter aufgeführt, die von Erasmus in lobenden Tönen sprechen, aber nicht an ihn adressiert sind. Die Veröffentlichung unter seinem Namen hätte keinen geringen Anflug von Selbstverliebtheit gehabt. Aus dem gleichen Grund mussten die Briefe als solche präsentiert werden, die sie längst nicht mehr waren – nämlich Botschaften, die unmittelbar durch die Lebensumstände motiviert und im privaten Schriftverkehr verortet sind.

Öffentlichkeit
Der humanistische Brief war kein privates, sondern ein öffentliches Medium, das sich als privat inszenierte. In den Vorworten beteuern die Humanisten mit topischer Regelmäßigkeit, dass sie ihre Briefe ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt hatten. Sie beschwören damit den privaten Charakter des Briefes, der ihm schon genuin eigen ist: Briefe sind definitionsgemäß schriftliche Nachrichten an einen eindeutig festgelegten, räumlich getrennten Adressaten. Sie geben sich im Schreiben als Schreiben an einen Adressaten zu erkennen und erheben diesen so zu ihrem einzigen offiziellen Leser. Ein Dritter ist nicht vorgesehen. Der Dritte ist der Fremde, der aus Neugier in den privaten Raum des Briefes eindringt. In dieser Konstellation steckt ein latenter Voyeurismus.3 Es erstaunt deshalb nicht, dass die Sammlungen humanistischer Briefe, obwohl sie allesamt in glänzendem Neulatein geschrieben waren, eine große, wenn auch auserwählte Leserschaft erreichten. Neben einem intimen Einblick in das Leben und Denken der öffentlichen Personen erhofften sich die Leser auch Anschauungsunterricht im lateinischen Stil. In den Schulen waren Briefanthologien Bestandteil des Lehrmaterials.

Briefsammlungen gehörten zu jener neuen Literatur, die sich erst mit dem Buchdruck durchsetzen konnte, denn vorher scheute man die Kosten und Mühen ihrer handschriftlichen Vervielfältigung. Sogar die Briefsammlungen großer Namen, etwa Petrarcas, fanden erst nach Ende des 15. Jahrhunderts eine weite Verbreitung.4 Die neue Drucktechnik trug die Briefe nach draußen und mit dazu bei, dass der Brief zu einem öffentlichen Medium wurde.

Die Öffentlichkeit erreichte den humanistischen Brief aber nicht erst über die Sammelausgaben. Öffentlich war er bereits mit der Niederschrift und erst recht dann, wenn er den Empfänger erreicht hat. Die Öffentlichkeit ist dem humanistischen Brief eingeschrieben, weil er nie Themen berührt, die nicht gesellschaftsverträglich wären und niemals nur einen Inhalt hat, der nicht von öffentlichem Interesse wäre. Der humanistische Brief ist von vornherein für die Veröffentlichung geschrieben; im Wissen darum, dass der Brief nach der Niederschrift durch viele Hände gereicht wird.

Als Erstes wurde der Brief einem Boten übergeben: Meistens handelte es sich dabei um Kaufleute, die auf ihren Routen Briefe mitnahmen, oder um Bekannte, die ohnehin den Weg des Briefes gingen. Nur die Reichen und Mächtigen konnten sich einen organisierten Botendienst leisten, der auch esoterische Botschaften zuverlässig übermittelte: zunächst nur die Höfe, ab Mitte des 16. Jahrhunderts auch die organisierte Kaufmannschaft.5 Schon in der Art der Zustellung besteht also ein Unterschied zwischen dem privaten und dem öffentlichen Brief, zu dem der Humanistenbrief gehörte.

Hat der Brief den Absender schließlich erreicht – die Übermittlung konnte abhängig von der Entfernung und dem Reiseverlauf Wochen, ja Monate dauern – las ihn der Empfänger in der Regel nicht leise für sich, sondern im geselligen Kreis seinen Freunden, seinen Schülern oder seiner Familie vor. Der Brief wurde überall herumgereicht, desto mehr, je bekannter und angesehener der Absender war, denn ein Teil seines Ansehens fiel auf den Empfänger zurück. Er wurde abgeschrieben oder sogar gedruckt. Der französische Bibliothekar Guillaume Budé schrieb zum Beispiel, er zeige die Briefe des Erasmus herum wie ein Priester das Sakrament; denn er, Budé, halte es für sein Ansehen förderlich, wenn viele Leute wüssten, dass er mit Erasmus eng befreundet sei.6

Der humanistische Brief erfüllte durch seinen öffentlichen Charakter drei kommunikative Funktionen: Auf der referentiellen Ebene behandelt er Gegenstände, die von öffentlichem Interesse sind; gleichzeitig ist der Brief auf der expressiven Ebene ein Versuch des Humanisten, die öffentliche Meinung in seinem Sinn zu beeinflussen; und schließlich hat der Brief einen sozialen Zeichencharakter: Er hält als Geschenk nicht nur die freundschaftliche Beziehung aufrecht, sondern zeigt sie der ganzen Welt an. Der Brief eines Humanisten bestätigte die Zugehörigkeit beider, des Absenders und des Empfängers, zum Kreis der humanistischen Gelehrten. Wenn ihr mir gestattet, möchte ich auf alle drei kommunikativen Funktionen mit Beispielen näher eingehen.

Referentielle und soziale Ebene
Die Struktur des humanistischen Briefs unterscheidet sich nur unwesentlich von jeder anderen Briefgattung. Es beschreibt sich darin ein Ich an ein vertrauliches Du (denn das mittelalterliche vos haben die Humanisten abgeschafft7), aber wer ist dieses Ich und wer ist dieses Du? Als strukturell vorgeschriebene Personalpronomen verweisen sie auf keine Personen, sondern auf Gattungstypen. Die Gattungskonventionen jener Zeit schrieben ein briefliches Ich vor, das sich immer in Bezug auf das Du konstituiert. So forderte Erasmus von Rotterdam in seiner Anleitung zum Briefeschreiben: Die Briefschreiber sollen „Bescheid wissen über Wesen, Charakter und alle Gemütsregungen des Empfängers und schließlich darüber, welche Stelle – was Gunst, Autorität oder Verdienste betrifft – sie selbst bei ihm einnehmen.“8 Der Briefschreiber soll sich also erst ein Du zurechtlegen und den Inhalt sowie den Stil des Briefs danach ausrichten.

In den Briefen des jungen Erasmus lässt sich dieses Verfahren schön ablesen. Darin präsentiert sich das Ich gegenüber Gelehrten als humanistisch gebildet und glänzt dafür mit einem Schatz antiker Zitate. Gegenüber engen Freunden hingegen ist der Brief in Stil und Inhalt ein innig-zärtlicher und verfolgt wenn überhaupt den Zweck, den Absender mit unterhaltsamen Geschichten zu erfreuen. Der Leser bekommt aber in keinem Fall das Gefühl, dass sich hier, wie in den Briefen des 18. Jahrhunderts, ein Innerstes authentisch offenbart. Das humanistische Ich ist immer gebrochen; es konstituiert sich im Bezug auf ein Du und eine kritische Öffentlichkeit.

Neben dem Ich und dem Du ist in dem humanistischen Brief der Dritte außerordentlich präsent. Nachrichten über andere humanistische Gelehrte und öffentliche Personen nehmen einen auffällig großen Raum ein. Sie beziehen sich auf Äußerungen, auf Gespräche und neu erschienene Schriften dieser Personen, aber auch auf Ereignisse in ihrem privaten Leben. Die Nennung des Dritten stellt eine Verbindung her zwischen ihm und dem Du und dem Ich. Erst durch diese sprachliche Handlung kann sich die humanistische Gemeinschaft etablieren, die über ganz Europa verstreut war: Was sie verband, war nur die Liebe zu den bonae literae, eine vorzügliche Kenntnis der lateinischen Sprache, und eben – der Brief. Er versorgte die Humanisten mit den nötigen Informationen über den Stand der geistigen Produktion und ihren Teilhabern. Ziemlich direkt ging aus der Korrespondenz der Gelehrten später die Zeitschrift hervor.9

Expressive Ebene
Die Nennung des Dritten beschränkt sich nicht auf die bloße Information, sondern ist – und das ist eine Eigentümlichkeit jener Zeit – fast immer mit einer emphatischen Wertung verbunden. So bezeichnet Erasmus den Beatus Rhenanus gegenüber dem Papst als „hervorragenden gelehrten jungen Mann von scharfsinnigem Urteil“10, und umgekehrt ist das Lob, wie wir eingangs gesehen haben, nicht weniger warm. Vieles an diesen Wertungen ist topisch; spätestens dort aber, wo das Lob zum Urteil und das Urteil zur Verurteilung wird, verlässt der Briefschreiber den gattungsgesetzlichen Topos und verfolgt ganz individuelle Ziele.

Das 16. Jahrhundert war eine Zeit allgegenwärtiger Kritik und ständig drohender Verurteilung. Erasmus selbst schrieb in einem Brief von 1519: „Einst wurde ein Ketzer achtungsvoll verhört, und man absolvierte ihn, wenn er Genugtuung leistete. Jetzt ist es um das Verbrechen der Ketzerei ein ander Ding, und doch führen sie bei jeder geringfügigen Sache das Wort: Ketzerei! im Munde.“11

Erasmus hatte allen Grund, so zu sprechen: Er hatte sich zu Luthers Schriften bedeckt gehalten und war zwischen beide Fronten geraten. Von allen Seiten hagelte es Vorwürfe. In seinen Briefen versuchte er nun, sich ein Recht auf eine differenzierte Haltung zu bewahren: Er distanzierte sich von Luthers Forderungen und dementierte mit Nachdruck, als einige von Luthers Schriften ihm zugeschrieben wurden. Gleichzeitig verzichtete er auf ein öffentliches Bekenntnis gegen Luther und bezeugte grundsätzlich Sympathie für dessen Institutionskritik.

Es kam, wie wir wissen, doch zur offenen Auseinandersetzung. Die Zeit litt keine uneindeutigen, differenzierten Meinungen. Jedes Wort, sogar wo es fehlte, wurde als Stellungnahme ausgelegt. Ein Schweigen konnte gefährlich sein. Der Brief war das Medium der Humanisten, nicht nur um sich auszutauschen, sondern um für die eigene Haltung zu kämpfen und sich gegen Vorwürfe zu wehren, ja, um im Äußersten das Leben zu verteidigen.

Erstmals erschienen in Denkbilder 1/2010.

Fußnoten
1 Hinweis in Jardine 1995, S. 156.
2 Halkin 1978, S. 240.
3 Guillén 1986, S. 100.
4 Clough 1976, S. 37.
5 Körber 1997, S. 251.
6 Ebd.
7 Harth 1983, S. 95.
8 Erasmus 1980, S. 159.
9 Huizinga 1958, S. 125.
10 Erasmus 1995, S. 124.
11 Erasmus 1995, S. 267.

Literatur
Clough, Cecil H.: The Cult of Antiquity: Letters and Letter Collections, in: Ders. (Hrsg.): Cultural Aspects of the Italian Renaissance. Essays in Honor of Paul Oskar Kristeller, New York 1976, S. 33-67.
Erasmus von Rotterdam: De Conscribendis Epistolis. Anleitung zum Briefeschreiben, Darmstadt 1980 (Bd. 8 von Ausgewählte Schriften).
Erasmus von Rotterdam: Briefe, hrsg. Von Walther Köhler, Leipzig 1995.
Guillén, Claudio: Notes toward the Study of the Renaissance Letter, in: Barbara Kiefer Lewalski (Hrsg.): Renaissance Genres. Essays on Theory, History and Interpretation, Cambridge Mass. 1986, S. 70-101.
Halkin, Léon-E.: Érasme Éditeur de sa correspondence. Le cas de l’Auctarium, in: Bibliothèque d’Humanisme et Renaissance XL, 2 (1978), S. 239-247.
Harth, Helene: Poggio Bracciolini und die Brieftheorie des 15. Jahrhunderts. Zur Gattungsform des humanistischen Briefes, in: Franz Josef Worstbrock (Hrsg.): Der Brief im Zeitalter der Renaissance, Weinheim 1983, S. 81-99
Huizinga, Johan: Erasmus. Eine Biographie, Reinbek bei Hamburg 1958.
Jardine, Lisa: Erasmus, Man of Letters, Princeton 1995.
Köhler, Esther-Beate: Der soziale Ort des Briefs im 16. Jahrhundert, in: Wenzel, Horst (Hrsg.): Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter, Berlin 1997, S. 244-258.
Najemy, John M.: Between Friends. Discourses of Power and Desire in the Machiavelli-Vettori Letters of 1513-1515, Princeton 1993.
Schirrmeister, Albert: Triumph des Dichters. Gekrönte Intellektuelle im 16. Jahrhundert, Köln 2003.
Vogel, Sabine: Kulturtransfer in der frühen Neuzeit, Tübingen 1999.
Worstbrock, Franz Josef (Hrsg.): Der Brief im Zeitalter der Renaissance, Weinheim 1983.

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