Freitag, 25. September 2009

Der moderne Mythos – Verschwörungen und Verschwörungstheorien

In den Niederungen der Volkskultur schafft sich der Mensch sein eigenes Weltbild. Früher war es der Mythos, der sein Bedürfnis nach Sinn und Ordnung stillte, heute, im Zeitalter der modernen Wissenschaft, ist es eine neue, säkulare Form des Mythos: die Verschwörungstheorie. Sie argumentiert mit Beweisen und ist konsequent rational.

Unmittelbar nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in den Irak tauchte plötzlich ein seltsames Gerücht auf, das ein konspiratives Licht auf die Ereignisse warf. Eine ganze Reihe von Medienberichten in so renommierten Blättern wie der New York Times vermittelte den Eindruck, dass der Krieg auf die Ideen eines Mannes zurückging, der seit dreissig Jahren nicht mehr lebte: Leo Strauss, ein langjähriger Lehrer der politischen Philosophie an der Universität von Chicago, der zu seinen Lebzeiten mit Büchern über politische Denker der Antike und des Mittelalters nur einem begrenzten Kreis von Gelehrten bekannt war. Nun, da er plötzlich zum Vater des Irakkriegs wurde, rückte sein Bild in die Öffentlichkeit, und das Bild war kein schmeichelhaftes: Strauss, so ging das Gerücht, habe seine Schüler gelehrt, elitär zu denken. Nur wenigen sei es vergönnt, die Wahrheit zu ertragen: den Philosophen, den Wissenden. Das Volk müsse dagegen zu seinem eigenen Wohl und zum Wohl der öffentlichen Ordnung in seinen moralischen und religiösen Vorurteilen bestätigt werden. So belehrt, drängten die Schüler von Strauss, die sogenannten «Straussianer», in hohe Ämter nach Washington und zettelten für ihre Partikularinteressen einen Krieg an, den sie in der Öffentlichkeit mit einer Reihe von «edlen Lügen» rechtfertigten.

Verschwörer oder Philosophen?
Hier haben wir das mustergültige Beispiel einer Verschwörung: Eine Gruppe von Akteuren mit einem homogenen sozialen Hintergrund verbündet sich, um im Verborgenen die Fäden für ein gemeinsames politisches Ziel zu spinnen. Zu schön, zu geradlinig, ja – zu rational, um wahr zu sein. Auch wenn das Gerücht nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, es stützt sich auf Annahmen, Behauptungen und Unterstellungen, die einer sorgfältigen Prüfung, wie sie Catherine und Michael Zuckert durchgeführt haben, nicht standhalten. Es stimmt zwar, dass eine ansehnliche Zahl von Strauss’ Schülern in der amerikanischen Politik eine bedeutende Stellung eingenommen hat; abgesehen davon, dass es sich dabei aber keineswegs um eine homogene Gruppe handelte, waren sie doch zu wenig einflussreich, um die amerikanische Aussenpolitik im Alleingang zu bestimmen.

Das Gerücht beruht auch auf einer falschen Auslegung oder Unkenntnis von Strauss’ philosophischem Werk. In vielen Essays, die er in seinem Buch Persecution and the Art of Writing zusammenführt, befasste sich Leo Strauss mit einer alten, fast vergessenen Kunst des Schreibens: die Kunst der Schriftsteller, einer politischen Verfolgung dadurch zu entgehen, indem sie ihre geheime, esoterische Lehre hinter der exoterischen Textoberfläche durch verschiedene literarische Techniken verbergen. Häufige Wiederholungen und die übertriebene Bejahung von Gemeinplätzen oder Widersprüche innerhalb eines Werks weisen dem sorgfältigen Leser den Weg zu seinem eigentlichen Sinn.

Strauss führte für die Interpretation der klassischen Philosophen die platonische Unterscheidung zwischen exoterischer und esoterischer Lehre wieder ein. Nicht nur aus Angst vor Verfolgung, meinte Leo Strauss, sondern auch aus Rücksicht auf die öffentliche Moral und die herrschende Ordnung mussten die Philosophen die Wahrheit vor dem allgemeinen Zugriff bewahren. Nur wenigen überlegenen Eingeweihten war es intellektuell möglich, die subversive esoterische Lehre überhaupt zu ertragen. Strauss verteidigte Platons Konzept der «edlen Lüge» – das sind Erklärungen für die politischen Handlungen, die dem Volk allgemein verständlich in Form eines Mythos präsentiert werden.

Was Strauss deskriptiv anhand historischer Autoren aufzuzeigen versuchte, verstanden die Verschwörungstheoretiker als präskriptive Aufforderung an alle intellektuell Überlegenen, den Menschen Märchen zu erzählen, um sie in ihrer seligen Unwissenheit bei Laune zu halten. Nur schon die Unterscheidung zwischen exoterischem und esoterischem Wissen war Nahrung für alle Verschwörungstheoretiker, denn welches Wissen wäre esoterischer als das geheime Wissen der Verschwörer? Ihre Arbeit verstehen die Verschwörungstheoretiker als Versuch, in die esoterischen Bewegungen der Macht vorzudringen.

Dabei haben sie Strauss aber gründlich missverstanden. Strauss versteht unter esoterischem Wissen genau das Gegenteil einer Verschwörungstheorie, nämlich das Wissen, dass die Welt eben nicht von sinnhaften Mächten gelenkt wird, dass es weder eine göttliche Ordnung noch eine natürliche Grundlage der Moral gibt. Das Wissen der Verschwörungstheoretiker ist deshalb genuin exoterisch.

Verschwörungstheorien und die Wissenschaft
In der Organisation des Wissens von demokratischen Gesellschaften stehen die Verschwörungstheorien hierarchisch auf der untersten Stufe. Verschwörungstheorien gehören zum «abgelehnten Wissen» (Michael Barkun), das weder von etablierten Institutionen ausgeht noch von ihnen rezipiert wird. So wird niemand die offizielle Version über die Motive des Irakkriegs als «Verschwörungstheorie» bezeichnen, wie umstritten sie auch sein mag. Die öffentlichen Medien griffen die Theorie um die straussianische Verschwörung zwar auf, aber nur über kurze Zeit und mit der Distanz des Vermittlers.

Offensichtlich tut sich hier ein Machtgefälle auf. Michel Foucault hat darauf hingewiesen, dass die «Wahrheit» nicht ausserhalb von Machtsystemen liegt, sondern im Gegenteil von ihnen erzeugt und getragen wird. In unseren demokratischen Gesellschaften wird die Wahrheit am stärksten vom wissenschaftlichen Diskurs getragen. Wissenschaftlich ist eine Theorie, die nachprüfbar und falsifizierbar ist. Beides sind Verschwörungstheorien nicht, obwohl sie auf der Oberfläche ebenso mit Beweisen argumentieren und Anspruch auf Rationalität erheben wie der wissenschaftliche Diskurs.

Entweder stützen sich Verschwörungstheorien auf Beweise, deren Echtheit oder Bedeutung fragwürdig ist (wie die Protokolle der Weisen von Zion), oder sie schaffen sich erst Beweise, indem sie Schriften auf eine Art auslegen, die einer rationalen Hermeneutik widerspricht (etwa das Werk von Leo Strauss). Häufig genügt schon das Fehlen eines Elementes als Beweis für eine Verschwörungstheorie (zum Beispiel das Fehlen von Büchern in Shakespeares Nachlass).

Verschwörungstheoretiker sind manische Zeichendeuter, die in jeder Koinzidenz einen Hinweis auf die vermutete Verschwörung sehen. Sie verletzen damit zwei Regeln der logischen Beweisführung, die der wissenschaftliche Diskurs aufstellt: dass die Beweise zur These führen sollen und nicht umgekehrt und dass zwischen den Beweisen eine nachprüfbare kausale Beziehung bestehen muss. Welche nachprüfbare Beziehung besteht zwischen Leo Strauss’ Philosophie, dem Ausbruch des Irakkriegs und der Tatsache, dass Paul Wolfowitz, der stellvertretende Verteidigungsminister unter Bush, bei Leo Strauss studiert hat?

Verschwörungstheorien sind nicht falsifizierbar. Jeden Gegenbeweis fassen ihre Verfechter als Teil der angenommenen Verschwörung auf. Es ist deshalb wenig sinnvoll, zwischen reduzierten und systemischen Verschwörungstheorien zu unterscheiden, denn jede Verschwörungstheorie neigt dazu, sich auf ganze Systeme auszudehnen und sich mit anderen Theorien zu verbinden. Ein unendliches Misstrauen und eine verzweifelte Suche nach Sinn treiben die Verschwörungstheoretiker an.

Beweise, Zweifel, Vernetzung – die Verschwörungstheorie hat die gleichen Grundlagen wie die Wissenschaft. Tatsächlich ist sie ihr verzerrtes Gegenstück. Es erstaunt nicht, dass sie seit der französischen Revolution immer neue Urstände feierte und auch nach dem Zusammenbruch der grossen Ideologien im 20. Jahrhundert lebendig bleibt. Die Verschwörungstheorie ist der säkulare Mythos des modernen Menschen, die neue Antwort auf sein uraltes Bedürfnis, überwacht und gebraucht zu werden.

Der Mythos Verschwörungstheorie
Verschwörungstheorien sind wie Mythen populare Erklärungsmodelle für gesellschaftliche Prozesse. Beide erfüllen die gleiche Funktion: Sie entlasten den Menschen von der Verantwortung für sein Schicksal, vor allem für sein Unglück. Diese Entlastung geschieht durch mehrere Strategien: Zunächst durch die Übertragung des eigenen Schicksals auf fremde Systeme, dann durch die Reduktion von Komplexität und durch Konkretisierung. Mythen und Verschwörungstheorien reduzieren komplexe historische Prozesse auf die Umtriebe einzelner Gruppen und Akteure, die sie konkret benennen. In der Ilias geht jedes Ereignis während des Trojanischen Kriegs mehr oder weniger direkt auf den Konflikt zurück, den Athene und Hera gegen Aphrodite austragen. Genauso reduzieren die Verschwörungstheoretiker den Krieg im Irak auf die Machenschaften eines kleinen Kreises von neokonservativen Intellektuellen.

Bei all dieser Verwandtschaft der Verschwörungstheorien mit Mythen liegt die Frage nahe: Kann es denn überhaupt keine Verschwörungen geben? Doch die Frage nach Verschwörungen ist etwa gleich sinnvoll wie die Frage, ob es Politiker gibt. Natürlich gibt es Verschwörungen! Natürlich gibt es geheime Absprachen zur Verfolgung gemeinsamer Ziele, wie die Geschichte zeigt. Nur kann es keine Verschwörungen nach dem Verständnis von Verschwörungstheorien geben.

Wie der Historiker Dieter Groh dargelegt hat, beruhen Verschwörungstheorien auf falschen handlungstheoretischen Annahmen. Sie schliessen von einem Resultat auf die Intention einer Handlung; tatsächlich gehen die Intention und das Resultat schon bei einer so einfachen Handlung wie dem Verkauf eines Hauses auseinander: Sobald ich ein Haus verkaufen muss, sinkt es im Wert, sobald ich kaufen will, steigt es. Ungleich grösser sind diese Differenzen in so komplexen Systemen wie dem historischen Prozess. Es gibt in der Geschichte keine Handlungssubjekte, sondern nur Referenzsubjekte, die den historischen Prozess erleben, aber nicht lenken und erschaffen können.

Geschichte ist ein irrationaler, unvorhersehbarer Prozess. Nicht nur das Geschichts-, auch das Menschenbild der Verschwörungstheorien ist zu rational: Sie stellen sich die Verschwörer als Menschen vor, die in einem gewissen Sinn perfekt sind: überdurchschnittlich solidarisch, sehr verschwiegen und viel potenter und kompetenter als gewöhnliche Sterbliche.

Der Mensch ist fehlerhaft. Darum sind Verschwörungen möglich, aber nur als befristete und sehr begrenzte Versuche der Beeinflussung mit einer höchst ungewissen Erfolgsaussicht.

Erstmals erschienen in etü 2/2009.

Literatur
Barkun, Michael: A Culture of Conspiracy. Apocalyptic Visions in Contemporary America, Berkeley u.a. 2003.

Coale, Samuel: Paradigms of Paranoia. The Culture of Conspiracy in Contemporary American Fiction, Tuscaloosa 2005.

Coady, David (Hrsg.): Conspiracy Theories. The Philosophical Debate, Aldershot 2006.

Foucault, Michel: Truth and Power, in: Colin Gordon (Hrsg.): Power/Knowledge: Selected Interviews and Writings, 1972-1977, New York 1980, S. 109-133.

Fenster, Mark: Conspiracy Theories. Secrecy and Power in American Culture, Minneapolis 1999.

Groh, Dieter: Die verschwörungstheoretische Versuchung oder: Why do bad things happen to good people?, in: Ders.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte, Frankfurt am Main 1992, S. 267-306.

Parish, Jane/ Parker, Martin (Hrsg.): The Age of Anxiety. Conspiracy Theory and the Human Sciences, Oxford 2006.

Strauss, Leo: Persecution and the Art of Writing, Chicago 1988 [1952].

Žižek, Slavoj: Körperlose Organe. Bausteine für eine Begegnung zwischen Deleuze und Lacan, Frankfurt am Main 2005, S. 283-297.

Zuckert, Catherine/ Zuckert, Michael: The Truth about Leo Strauss. Political Philosophy and American Democracy, Chicago 2006.

Kommentare:

Sek Chun hat gesagt…

Hallo!
Ich komme aus Hongkong and studiere Deutsch gern. Mein Fach ist Geschichte auch, deshalb gefaellt mir ihre Seite sehr. ich bin Lehrer und unterrichte in Hochschule in HK. konnen wir Freund sein? Mein Email ist :sekchun_ng@yahoo.com.hk
Danke!

Anonym hat gesagt…

Ich sehe das alles ein bisschen anders in Punkto Verschwörungen bzw. Theorien dazu.

Es gibt Verschwörungen und das nicht zu knapp, größer als die meisten Menschen sich das vorstellen können, man denke an die Bilderberger oder den 11. September.

Alleine Deutschland seit 1945 ist die reinste Verschwörung...wer glaubt heute noch das Gefasel von Souveränität, Rechtsstaat und Demokratie? In Deutschland jedenfalls nur die...naja geistig minderbemittelten..aber ich bin neidisch auf sie, weil sie sich keinen Kopf über die ganze Scheisse machen müssen.

Ich will auf den Machtfaktor zurückkommen...Jeder (außer den geistig Minderbemittelten)weiss inzwischen, dass 9/11 ein Insider war...Konsequenzen gibt es keine...wir wissen heute, dass die Massenvernichtungswaffen im Irak nicht existierten...dennoch gibt es keine Konsequenzen.

Es kommt immer darauf an, ob diejenigen, die Verschwörungen betreiben, weiterhin an der Macht sind oder nicht...hätte Deutschland ded 2. WK gewonnen, würde man den die False Flag Attacke auf den Sender Gleicwic heute den Polen zuschreiben und der Holocaust wäre eine Verschwörungstheorie.


Das die Bilderbeger die wahre Weltregierung sind bzw. anstreben und unsere Politiker nur Marionetten sind, bestreitet heute kein Mensch mehr, vor 5 Jahren war man mit solchen äußerungen noch Verschwörungstheorethiker.

Natürlich läuft hier eine Verschwörung...die der ca. 200 reichsten Familien der Welt gegen 99% der Weltbevölkerung, und jeder der es wissen WILL der weiss das auch.

Das wird hier leider verharmlost...ich finde es nicht lustig wenn 200 Faschisten Kriege anzetteln...der erste udn zweite Weltkrieg sidn mit Sicherheit nicht aus Zufall ausgebrochen oder weil die bösen bösen Deutschen es so wollten...