Sonntag, 16. August 2009

Zu Tacitus’ Schrift Germania: ihr historischer Entstehungsprozess und ideologischer Hintergrund

Arbeit: Tendenz, Funktion und Absicht in der Germania des Tacitus

Einleitung
Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur11: Ganz unvermittelt, ohne Proömium und in Anlehnung an Caesars Kommentarienstil steigt die Germania des Tacitus ein. Schon in diesem ersten Satz bedient sich Tacitus eines Stils der rhetorischen Verkürzung und Verknüpfung, der die ganze Germania prägt: Die Grenze des omnius im ersten Teil des Satzes wird festgelegt durch die geographische Trias Rhenus, Danuvius und montes, wozu Tacitus das semantisch unzusammenhängende metus pointiert nach Art der Paronomasie hinzugesellt. Der kunstvolle Stabreim mutuo metu aut montibus zieht in gedrängter Kürze eine überraschende und geistreiche Verbindung – den Rest der Grenzlinie – allein auf der formalen Ebene des Satzes.

Dieser dichte, lakonische Stil der Germania hat die Arbeit der neuzeitlichen Interpreten nicht erleichtert, und die kleine Schrift erfuhr seit ihrer Wiederentdeckung im Humanismus eine Vielzahl an Deutungen, die gegensätzlicher nicht sein können. Ein Grossteil dieser Deutungen – und schon die frühesten – vermutete hinter der expliziten Textoberfläche eine implizite Absicht, die Tacitus neben der reinen Vermittlung des Inhalts verfolgt habe. Die Annahme einer hintergründigen Absicht hängt mit einem Leseeindruck zusammen, der auch heute noch aktuell ist, nämlich dass sich die Schrift „nicht so weitgehend aus sich selbst“ erklärt und gegen die Vermutung „entschiedene Bedenken [weckt], ihr Ziel und die Absicht des Autors könnten sich in schlichter, unreflektierter Information über die germanischen Verhältnisse erschöpfen“2.

Auf der expliziten Textoberfläche ist die Germania des Tacitus eine ethnographische Monographie3 über die Sitten und Gebräuche, die Herkunft und geographische Lage der Germanen jenseits von Rhein und Donau. In einem ersten, allgemeinen Teil4 beschreibt Tacitus die Germanen als eine Einheit, in einem zweiten, spezifischen Teil als eine Vielheit unterschiedlicher, einander zuweilen konkurrierender Stämme. Die Germania antwortet auf fachspezifische Fragestellungen der Ethnographie, die Karl Trüdinger 1918 so formulierte: „körperliche Erscheinungsform eines Volkes, Bewaffnung und Kriegsbräuche, Eß- und Trinksitten, Götter und Opferwesen, Begräbnisform und ähnliches mehr“5. Eduard Norden warf zwei Jahre später in seiner Germanischen Urgeschichte die Frage auf, inwieweit die Germania auch in der Beantwortung dieser Fragestellungen, die Trüdinger als ‚Topoi‘ bezeichnete, topisch und von der Gattungstypologie bestimmt ist6.

Die Forschung ging für die Interpretation häufig über diese Textoberfläche hinaus und leitete aus

a) dem historischen Kontext
b) den Tendenzen in der Darstellung
c) den Werturteilen und subjektiven Positionierungen innerhalb des Textes

eine implizite Absicht hinter der Germania ab.

Bis ins 20. Jahrhundert dominierte die Sittenspiegeltheorie, die insbesondere seit den Napoleonischen Kriegen nationalistisch instrumentalisiert wurde: Tacitus habe in einer günstigen Darstellung der Germanen – mit denen sich die Deutschen reibungslos identifizierten – den lasterhaften Römern einen Spiegel der Tugend und Tapferkeit entgegenhalten wollen. Zur Unterstützung der Theorie verwiesen die Interpreten einseitig auf die positiven Werturteile über die Germanen innerhalb des Textes – die Komplexität und Widersprüchlichkeit des Textes als Ganzes nicht bedenkend. Spätere Historiker erfassten die Werturteile differenzierter und stellten sie in den historischen und politischen Kontext7.

Reitzenstein las die Germania 1915 als eine politische Tendenzschrift, die auf die Gefahr, die von den Germanen ausging, hinweisen wolle. Um seine Interpretation, vor allem um seine Auslegung einer dunklen Stelle in Tac., Germ. 33,2, entspann sich eine Debatte, die bis heute andauert8. Der eine Teil der Forschenden stimmte Reitzensteins Interpretation zu und sah in der Germania eine imperialistische Tendenz, der andere interpretierte die Schrift gegensätzlich als Warnung vor einem Angriff und als Unterstützung der trajanischen Defensive. In der jüngsten Zeit relativierte vor allem Timpe beide Lesarten9.

Für meine Interpretation der Germania skizziere ich in einem ersten Teil den historischen Kontext ihrer Entstehung und die Biographie des Tacitus, soweit die Angaben für die Interpretation der Schrift relevant sind. Im zweiten Teil untersuche ich die Germania nach Tendenzen der Darstellung und des Ausdrucks und leite aus ihnen die pragmatischen Funktionen ab, die der Text erfüllt. Dafür nehme ich eine semantische Unterscheidung zwischen ‚Absicht‘, ‚Funktion‘ und ‚Tendenz‘, ‚politischer Haltung‘ und ‚historischem Anlass‘ vor. Ich lege dar, dass in der Germania verschiedene Tendenzen erkennbar sind, die verschiedene Funktionen erfüllen, aber nicht auf eine einheitliche Absicht des Autors schliessen lassen. Die subjektiven Positionierungen innerhalb des Textes können nur über die politische Haltung des Autors Aufschluss geben, nicht über die Absicht, die er mit seinem Werk verfolgte. Genauso wenig kann der historisch-biographische Kontext eine Absicht hinter der Schrift begründen, sondern nur ihren historischen Anlass.

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Fussnoten
1 Tacitus, Germ. 2,1: „Ganz Germanien wurde von den Galliern und Rätern sowie von den Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau, von den Samaten und Dakern durch gegenseitige Furcht oder Berge getrennt“. – Ich zitiere die lateinischen Stellen nach der Ausgabe von Perl, Tacitus. Germania. Die Übersetzungen stammen mit Anleihen an Perls Übersetzung von mir.
2 Timpe, Absicht der Germania, S. 107.
3 Zur Gattungsfrage vgl. Perl, Tacitus. Germania, S. 19.
4 Tac., Germ. 1–27. Die Überleitung von dem allgemeinen in den spezifischen Teil ist expliziert in Tac., Germ. 27,2: Haec in commune de omnium Germanorum origine ac moribus accepimus. nunc singularum gentium instituta ritusque, quatenus differant, quae nationes e Germania in Gallias commigraverint, expediam.
5 Zit. in Bringmann, Topoi, S. 60.
6 Vgl. Timpe, Absicht der Germania, S. 107–108; Bringmann, Topoi, S. 59–60.
7 Zur Rezeptionsgeschichte vgl. Fuhrmann, Einige Dokumente zur Rezeptionsgeschichte; von See, Deutsche Germanen-Ideologie; Städele, Agricola – Germania, S. 191–194.
8 Vgl. die Übersicht zur Forschungsliteratur in Beck, „Germania“ – „Agricola“, S. 22, und in Perl, Tacitus. Germania, S. 20.
9 Timpe, Die Germanen und die fata imperii, S. 211: „Der berühmte ablativus absolutus kann also aus formalen und inhaltlichen Gründen nicht den Schlüssel liefern, um die Ansichten des Tacitus über die nähere oder ferne Zukunft des Imperium oder über die geschichtliche Bedeutung der Germanen für Rom und ähnliche generelle Fragen zu erschließen“.