Mittwoch, 22. Juli 2009

Goethe und Schlegel: Aspekte novellistischen Erzählens

Nicht unumstritten, aber weit verbreitet ist die Ansicht, dass Goethe mit seinem Erzählzyklus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten die Tradition der Novellistik in der deutschen Literatur begründet habe.1 Da die Gattungsbezeichnung ‚Novelle‘ im ganzen Zyklus nicht vorkommt, muss der Text immanente Charakteristiken aufweisen, die entsprechend einer Gattungsnorm rezipiert werden konnten. Diese normgebenden, gattungstypischen, in diesem Sinn: novellistischen Merkmale der Unterhaltungen möchte ich im Folgenden herausarbeiten.

Nach Goethes eigenen Aussagen2 und der Erfahrung jedes Lesers gliedern sich die Unterhaltungen in drei Teile. Der Prolog führt in die Rahmenerzählung ein: 1792, zu einer Zeit heftiger Kampfhandlungen zwischen französischen und alliierten Truppen am Rhein, flieht die Baronesse von C. mit ihrem Anhang aus ihren linksrheinischen Gütern und lässt sich, als die Franzosen im Frühjahr 1793 wieder hinter den Rhein zurückgedrängt werden, in ein Gut am rechten Ufer des Rheins nieder. Unter die Besucher gesellt sich auch der Geheimerat von S. mit seiner Familie. Zwischen ihm und dem jungen Karl, einem revolutionsbegeisterten Neffen der Baronesse, kommt es eines Tages zu einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung. Schon vorher waren die friedlichen, geselligen Gespräche häufig durch den „politischen Diskurs“ (S. 1000) gestört worden, jetzt aber kommt es zu einem regelrechten Eklat. In der Folge reist die Familie des Geheimenrats ab, und die kleine Gesellschaft bleibt sehr zur Erbitterung der Baronesse allein zurück. Als „Zentralperson“ und „legislative Instanz“3 der Gruppe begnügt sie sich nicht mehr, auf die Gespräche nur mässigend einzuwirken,4 sondern stellt die Regeln für den künftigen sozialen Umgang auf: Jede Rede über die Politik und die „großen Weltbegebenheiten“ (S. 1007) verbannt sie in die kleinen Kreise zwischen Gleichgesinnten, für die versammelte Gesellschaft gebietet sie dagegen den guten Ton höflicher Geselligkeit. Der alte Geistliche, ein „Hausfreund“ der Familie (S. 996), sieht in diesem „Gesetz“ (S. 1011) eine Gelegenheit, einander Geschichten zu erzählen, die nicht allein durch den Reiz der Neuheit interessieren, sondern tieferliegende Wahrheiten menschlicher Natur offenbaren.

Dieser Prolog bildet die Ausgangslage für den Hauptteil der Unterhaltungen: In einem Klima der „Bangigkeit und Not“ (S. 995), unter dem häufigen „Donner der Kanonen“ (S. 1000) und nach einer peinlichen Auseinandersetzung fängt die Gesellschaft an, sich Geschichten zu erzählen. Am ersten Abend in Abwesenheit der Baronesse erzählt sich die Runde zwei Gespenster- und zwei erotische Geschichten, am nächsten Morgen erzählt der Geistliche auf Wunsch der Baronesse zwei moralische Geschichten und verspricht für den Abend ein Märchen.

Der Ausgang der Rahmenerzählung ist offen; das Märchen, das die Unterhaltungen epilogisch ausklingen lässt, sperrt sich als rätselhaftes „Produkt der Einbildungskraft“ (S. 1081) jeder Eindeutigkeit und erübrigt einen Fortgang der Gespräche.

Die Komposition der Unterhaltungen lehnt sich eng an den Decamerone von Giovanni Boccaccio an, dem „Vater und Stifter der Novelle“5. In beiden Werken fliehen die Figuren in der Not an einen sicheren Ort, wo sie sich nach neuen Regeln sozial organisieren. Sie erzählen sich Geschichten als zivilisatorischen Akt gegen die eingebrochene Katastrophe und die negativen Verhaltensänderungen, die mit ihr einhergehen. Auch im Decamerone einigen sich die Figuren darauf, die Ereignisse des Tages aus ihren Gesprächen zu verbannen, und weit strenger noch als in den Unterhaltungen unterliegt der ganze Tagesrhythmus einer genau festgelegten Ordnung. Die Struktur des Rahmens ist in den Unterhaltungen viel offener; die Abfolge, Art und Länge der Geschichten ergibt sich aus dem Gespräch in der Rahmenerzählung, der im Gegensatz zum Decamerone die höchste Aufmerksamkeit gewidmet ist.6

In seinem Aufsatz über Giovanni Boccaccio arbeitete Friedrich Schlegel anhand des Decamerone die Charakteristiken der Novellengattung heraus und bezog sich dabei implizit auf die Unterhaltungen. Zunächst beschreibt er die Novelle als eine eigentümliche Verbindung von Subjektivität und Objektivität, indem sie subjektive Empfindungen nach Art der Allegorie objektiviert: „Ich behaupte, die Novelle ist sehr geeignet, eine subjektive Stimmung und Ansicht, und zwar die tiefsten und eigentümlichsten derselben indirekt und gleichsam sinnbildlich darzustellen.“7 Das heisst, sie stellt im Besonderen das Allgemeine dar. Die Novelle neigt zwar zur genauen Beschreibung des „Lokalen und des Costums“8, also zu dem, was Roland Barthes später den „effet de réel“ nennen sollte, sie hält aber vieles „im allgemeinen, den Gesetzen und Gesinnungen der feinen Gesellschaft gemäß, wo sie ihren Ursprung und ihre Heimat hat“9.

Das sind die ersten drei Aspekte der Novellistischen, die Schlegel ausführt: die Darstellung des Allgemeinen im Besonderen; der Wirklichkeitseffekt, der zusammen mit dem Beglaubigungsgestus die Illusion eines Tatsachenberichts erzeugt; die Verbindung der Novelle zur feinen Gesellschaft. Weiter schreibt er:

Es ist die Novelle eine Anekdote, eine noch unbekannte Geschichte, so erzählt, wie man sie in Gesellschaft erzählen würde, eine Geschichte, die an und für sich schon einzeln interessieren können muß, ohne irgend auf den Zusammenhang der Nationen, oder der Zeiten [...] zu sehen. Eine Geschichte also, die streng genommen, nicht zur Geschichte gehört, und die Anlage zur Ironie schon in der Geburtsstunde mit auf die Welt bringt. Da sie interessieren soll, so muß sie in ihrer Form irgend etwas enthalten, was vielen merkwürdig oder lieb sein zu können verspricht.10


Ein weiterer Aspekt des Novellistischen ist demnach der soziale: Eine Novelle bedenkt ihre Rezeptionssituation; sie ist nicht nur als eine Erzählung in einer Gesellschaft gestaltet, sondern soll die Gesellschaft auch interessieren. Sie interessiert allein durch die Darstellung des Einzelnen; sie ist eine private Geschichte ohne historische und politische Zusammenhänge, die nicht nur durch das Unbekannte reizt, sondern ein Moment enthält, das den Zuhörern merwürdig oder lieb ist. Um die Novelle zu charakterisieren, wirft Schlegel weiter lakonisch einen Begriff auf, der in seiner Konzeption des Romantischen eine bedeutsame Rolle einnimmt: die ‚Ironie‘. Die Novelle ist ironisch, weil sie losgelöst von der Geschichte nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht und sich selber als Kunstwerk reflektiert.11 Zu dieser Eigengesetzlichkeit und Selbstreflexion der Gattung gehört ihre hohe stilistische Kunstfertigkeit und ihre Neigung zur Imitatio: „Der andre Weg“ zu interessieren, neben der stilistischen Kunstfertigkeit, „ist der, daß [der Erzähler] auch bekannte Geschichten durch die Art, wie er sie erzählt und vielleicht umbildet, in neue zu verwandeln scheine.“12

Mitte der 1790er-Jahre, also sechs Jahre bevor Schlegel diese Aspekte des Novellistischen herausarbeitet, sind sie in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten nicht nur literarisch umgesetzt wie bei Boccaccio, sondern ausdrücklicher Gegenstand poetologischer Reflexion. Im Gespräch mit der Baronesse und ihrer Tochter Luise stellt der Geistliche seine Sammlung von Geschichten vor, die er vortragen möchte:

Zur Übersicht der großen Geschichte fühl ich weder Kraft noch Mut, und die einzelnen Weltbegebenheiten verwirren mich; aber unter den vielen Privatgeschichten, die man sich insgeheim einander erzählt, gibt es manche die noch einen reineren, schönern Reiz haben, als den Reiz der Neuheit. Manche die durch eine geistreiche Wendung uns immer zu erheitern Anspruch machen, manche die uns die menschliche Natur und ihre innere Verborgenheiten auf einen Augenblick eröffnen, andere wieder, deren sonderbare Albernheiten uns ergötzen (S. 1013).


Schlegels zentrale Charakterisierung der Novelle als Allgemeines im Besonderen ist hier schon vorweggenommen. Der Geistliche beschreibt mit ähnlichen Worten wie Schlegel seine Geschichten als Darstellungen des Einzelnen, die von den grossen Weltbegebenheiten losgelöst sind. Sie sollen im Besonderen die inneren Verborgenheiten menschlicher Natur darstellen (bei Schlegel des Erzählers „innerste Tiefe seiner eigensten Eigentümlichkeit“). Auch der Aspekt des ‚Interessanten‘, im Übrigen ein wiederkehrendes Schlagwort der romantischen Bewegung,13 ist hier ausdrücklich reflektiert: Die Geschichten des Geistlichen sollen nicht nur durch den Reiz des Neuen (bei Schlegel das „Unbekannte“), sondern durch geistreiche Wendungen und Albernheiten (bei Schlegel das „Merkwürdige oder Liebe“) die Zuhörer ergötzen. Der Geistliche möchte mit seinen Geschichten das natürliche Interesse des Menschen an den Neuigkeiten des Tages, die „ohne Zusammenhang Verwunderung erregen und unsre Einbildungskraft einen Augenblick in Bewegung setzen“ (S. 1012), auf subtile, zeitlose Begebenheiten lenken, die den Verstand genauso wie das Gefühl berühren und zum Nachdenken anregen. Ob sich sein Anspruch erfüllt, ist eine andere Frage. Es zeigt sich nämlich, dass die Gesellschaft hauptsächlich an den Fakten der Erzählungen interessiert ist, ohne von ihnen auf allgemeine Zusammenhänge zu schliessen. Für Karl ist „jedes Phänomen, so wie jedes Factum an sich eigentlich das Interessante. Wer es erklärt oder mit andern Begebenheiten zusammenhängt, macht sich gewöhnlich eigentlich nur einen Spaß...“ (S. 1032).

Die Rezeptionssituation ist in den Unterhaltungen häufig reflektiert. Die Erzählungen erscheinen als Redebeiträge eines Gesprächs und ergeben sich aus seinen sozialen Bedürfnissen und Anforderungen. So besteht Luise gegenüber dem Geistlichen auf eine „feine Unterhaltung“ (S. 1014) und darauf, dass die „Geschichten wenigstens mit einiger Zierlichkeit“ vorgetragen werden. Die zwei moralischen Geschichten erzählt der Geistliche auf den ausdrücklichen Wunsch der beiden Frauen hin; für die zweite moralische Geschichte bittet sich Luise sogar einen einheimischen Schauplatz aus, und der Geistliche erzählt das Ende der Geschichte erst, als Luise darauf beharrt. Die Geschichte von Luises Bruder Friedrich ist eine Antwort auf die erste Erzählung des Geistlichen, und die beiden Beiträge von Karl ergeben sich allein aus dem Bedürfnis der Gesellschaft, noch länger aufzubleiben.

Die poetologische Reflexion novellistischer Aspekte ist die eine Seite, ihre literarische Verwirklichung die andere. Erfüllen die einzelnen Erzählungen in den Unterhaltungen die Schlegelschen Kriterien der Novelle?

Zunächst lehnen sich die meisten Erzählungen an mündliche und schriftliche Überlieferungen an, ganz gemäss dem Schlegelschen Kriterium der Imitatio, oder mit den Worten des Geistlichen: „Ich will freilich nicht leugnen, daß ich auch aus alten Büchern und Traditionen manches aufgenommen habe. Sie werden mitunter alte Bekannte vielleicht nicht ungern in einer neuen Gestalt wieder antreffen“ (S. 1016). Nur für die zweite moralische Erzählung und das Märchen liegen keine Quellen vor,14 wobei das Märchen nicht nur in dieser Hinsicht aus dem Rahmen fällt. Es ist mit einer anderen Gattungstradition verbunden, führt aber einzelne Tendenzen der Novelle fort: Der Wirklichkeitseffekt geht ihm ab, aber es stellt ähnlich der Novelle Merkwürdiges und Besonderes allegorisierend dar und ist konsequenter noch als die Novelle ein ironisches Kunstwerk von eigener Gesetzlichkeit, das „Wesen einer eigenen Gattung“ (S. 1081).

Die übrigen Erzählungen sind aber ganz nach dem Schlegelschen Novellenverständnis gestaltet. Sie enthalten alle eine merkwürdige oder geistreiche Wendung, verbunden mit einer realistischen
Schilderung und einem Gestus der Beglaubigung, der in der Interaktion mit den Rezipienten die Tatsächlichkeit des Geschehens versichert oder hinterfragt. In der ersten Erzählung etwa ist der Geistliche bei der plötzlichen Wendung als Figur zugegen und bestätigt so das Moment des Merkwürdigen:

„Wir saßen nach Tische in einem vertrauten Gespräch und waren alle heiter und guten Muts. Es war gegen Mitternacht, als sich auf einmal, mitten unter uns, eine klägliche, durchdringende, ängstliche und lange nachtönende Stimmen hören ließ“ (S. 1022). Nicht nur der Ort und die Uhrzeit sind genau festgelegt, auch das unerklärliche Geräusch ist mit vier Attributen sehr detailliert beschrieben.

In den Gespenster- und erotischen Geschichten des ersten Abends wird das merkwürdige Moment nicht aufgeklärt; am Schluss stehen einander nur unterschiedliche Deutungen gegenüber. Im Gegensatz dazu wird der moralische Konflikt in den Erzählungen des zweiten Tages auf versöhnliche Weise gelöst. Die Komposition beider Arten von Erzählungen ist aber grundsätzlich die gleiche: die realistische Schilderung einer nicht alltäglichen Begebenheit im privaten Rahmen.

Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten stehen nicht nur zeitlich am Anfang einer Gattung in der deutschen Literatur; sie verbinden auf exemplarische Weise die poetologische Reflexion über die Aspekte des Novellistischen mit ihrer literarischen Umsetzung. Das macht sie zu einem Massstab dieser Gattung, der den folgenden Diskurs zu weiten Teilen bestimmte – auch wenn die Bezeichnung ‚Novelle‘ im ganzen Zyklus nicht vorkommt.

Fussnoten

1 Herbst 1984 stellt diese Ansicht in Frage, indem er Goethe in eine Tradition periodischen Erzählens einreiht und beschreibt, wie sich spezifische Charakteristiken der Unterhaltungen wie die Rahmenhandlung im weiteren Verlauf der Novellentradition nicht durchsetzen konnten. Vgl. zu dieser Frage auch Rindisbacher 1994, S. 62–63 und Aust 1990, S. 66–72.

2 Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, hrsg. von Friedmar Apel et al. (Frankfurter Ausgabe), Bd. I.9, Frankfurt/M. 1992, S. 1510–1513. Die Seitenanzahlen im Text beziehen sich auf diese Ausgabe. In den Fussnoten zitiere ich verkürzt als ‚FA 9‘.

3 Koch 2002, S. 176 und 175.

4 Vgl. FA 9, S. 1001: „Im Anfange wurden diese Gespräche noch mit ziemlicher Mäßigung geführt, besonders da die Baronesse durch anmutige Zwischenreden beide Teile im Gleichgewicht zu halten wußte...“

5 Schlegel 1967, S. 390–391.

6 Brown 1975, S. 7–9.

7 Schlegel 1967, S. 393.

8 Ebd., S. 394.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Vgl. zum Ironiebegriff bei Schlegel Strohschneider-Kohrs 1977, S. 7–91, besonders S. 35–37.

12 Schlegel 1967, S. 395.

13 Vgl. Strohschneider-Kohrs 1977, S. 12.

14 FA 9, S. 1514–1522.

Literatur

Aust, Hugo: Novelle, Stuttgart 1990.

Brown, Jane K.: Goethe’s Cyclical Narratives: Die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten and Wilhem Meisters Wanderjahre, Chapel Hill 1975.

Herbst, Hildburg: Goethe: Vater der deutschen Novelle?, in: Goethe im Kontext. Kunst und Humanität, Naturwissenschaft und Politik von der Aufklärung bis zur Restauration, Tübingen 1984, S. 244–255.

Koch, Manfred: Zirkulation und wiederholte Spiegelungen. Kulturelle Gedächtnisbildung durch modernen Ideenumlauf in Goethes »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten«, in: Gedächtnis und Zirkulation. Der Diskurs des Kreislaufs im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Göttingen 2002, S. 167–187.

Rindisbacher, Hans J.: Procurator or Procreator: Goethe’s Unterhaltungen as Ironic Genre Praxis, in: Goethe Yearbook 7, 1994, S. 62–84.

Schlegel, Friedrich: Nachricht von den poetischen Werken des Johannes Boccaccio [1801], in: Kritische Friedrich Schlegel Ausgabe, hrsg. von Ernst Behler et al., Bd. I.2: Charakteristiken und Kritiken I, München, Paderborn und Wien 1967, S. 373–396.

Strohschneider-Kohrs, Ingrid: Die romantische Ironie in Theorie und Gestaltung, Tübingen 1977.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Das ist wirklich eine tolle Ausarbeitung, die mir sehr bei der Vorbereitung zu meiner mündlichen Prüfung geholfen hat. Vielen Dank dafür!