Sonntag, 21. Juni 2009

Angst zur Zeit der Grossen Pest: Italien 1348

Unter den zahlreichen Krisen im Europa des 14. Jahrhunderts war die Pestpandemie der Jahre 1347–1350 sicher die schwerwiegendste und folgenreichste. In meiner Arbeit befasse ich mich mit den Ängsten der Menschen, als das neue (seit Jahrhunderten vergessene) und unerklärliche Phänomen zunächst die Küstenstädte Italiens erfasste. Anhand von Aufzeichnungen hauptsächlich in Chroniken zeichne ich die Ängste nach und bringe sie in eine chronologische Reihenfolge. In einem zweiten Teil befasse ich mich mit der Frage, welche spezifische Funktion die Medizin jener Zeit im Umgang mit diesen Ängsten erfüllte.

Zusammenfassung

Seit den ersten Nachrichten über die Pest war das Leben in Italien von Angst geprägt. Anhand verschiedener Augenzeugenberichte versuchte ich nachzuweisen, dass sich die Ängste in vier zeitliche Phasen von unterschiedlicher Intensität einteilen lassen: die erste Phase ist eine Zeit lähmender Angst; das Leben nimmt zwar seinen gewohnten Gang, wird aber von den furchtbaren, teils mythisierenden Pestberichten aufgeladen. In der Phase des Ausbruchs dagegen ist die Angst aktivistisch; vielerlei Massnahmen sollen ein weiteres Ausbreiten der Seuche verhindern. Einer Phase der Panik und der Auflösung gesellschaftlicher Strukturen folgt schliesslich eine Phase der Resignation, die von Gefühllosigkeit und Wollust, aber auch von Verzweiflung und Schuldbewusstsein geprägt ist.

In den Regionen, die nach Italien vom Schwarzen Tod oder von späteren Pestwellen erfasst wurden, mochte die Pest nicht mehr genauso verlaufen sein; Vorkehrungen wurden früher getroffen, und
der Umgang mit der Seuche wurde routinierter. Doch es zeigt sich, dass die Ängste im Wesentlichen die gleichen blieben. Niemals hatten sie aber eine so grosse, flächendeckende Ausbreitung und Nachwirkung wie zur Zeit des Schwarzen Todes, der die Mentalität der spätmittelalterlichen Menschen entscheidend beeinflusste.

In einem nächsten Abschnitt stellte ich den psychischen Prozess dar, die abgründige Todesangst auf präzise, nennbare Ängste umzuleiten, ein Prozess, der nicht nur von den damaligen Autoritäten
des Klerus und der Naturwissenschaften eingeleitet und gefördert wurde, sondern in teils irrationaler Form auch vom Volk ausging.

Im letzten Teil befasste ich mich mit der Rolle der Medizin im Umgang mit der Pest. Obwohl ihre Nützlichkeit von den Zeitgenossen und in der Forschung regelmässig verkannt wurde, lässt sich
schwerlich abstreiten, dass so heilsame Massnahmen wie die Förderung der Hygiene und die Ausgrenzung der Kranken auf medizinischen Rat zurückgehen. Ausserdem hemmten medizinische und
astrologische Erklärungsmodelle irrationale Vorstellungen wie die der Brunnenvergiftung. Viele Mediziner setzten ihr Leben aufs Spiel, um den Kranken beizustehen, was zwar nicht unbedingt deren
Heilung förderte, ihnen aber Hoffnung und Trost spendete gegen die Angst. Trotzdem darf nicht verschwiegen sein, dass einige Ärzte vor ihrer Verantwortung flohen. Sie riefen selber zur Flucht auf und schürten mit ihrer Hilflosigkeit die Ängste. Über längere Frist gesehen haben sie aber mehr für die Entschärfung der Krankheit getan, als von ihrer mangelnden pathogenetischen Kenntnis erwartet werden konnte.

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