Sonntag, 22. Februar 2009

Skorbut und die Ernährung der Matrosen zur Zeit der Entdeckungsfahrten

Eine tödliche Mangelkrankheit

Zwieback, gepökeltes Fleisch und Sardinen können tödlich sein, vorausgesetzt sie sind die einzigen Nahrungsträger. Millionen von Seemännern fielen zur Zeit der grossen Entdeckungsfahrten einer unheimlichen Krankheit zum Opfer, bis Beschreibungen ihrer Heilung eine Wende in der Medizin einleiteten: Skorbut.

Was trieb die Matrosen der Frühen Neuzeit in die unbestimmte, aber sichere Gefahr? Ein verzweifeltes Leben, die Gier nach Gold und die Lust auf Abenteuer? Es müssen auf jeden Fall starke Gründe gewesen sein, denn das Leben auf den Schiffen war hart, auch im Vergleich mit den Bedingungen damals an Land. Das Wohl der Seefahrer hing von mehreren Faktoren ab: einerseits von dem Geld, das die Königreiche, die Stifter der Flotte, zur Verfügung stellten, andererseits von den Wetterverhältnissen und der Dauer ohne Landkontakt.

Ein Feuer für hundert Mann

Auf Columbus’ erster Reise stellte die spanische Krone zwölf Maradevi für das tägliche Essen eines Matrosen zur Verfügung; das entsprach ungefähr dem Preis von vier Kilogramm Weizen. Entsprechend freudlos gestaltete sich das Mahl: Allgegenwärtig war getrocknetes Brot in der Form von Biskuit und Schiffszwieback, das noch an Land aus Weizenmehl gebacken und im trockensten Teil des Schiffes verstaut worden war. Auf langen Fahrten wurde es trotzdem immer madig und schimmlig. Von der vierten Reise seines Vaters berichtet Ferdinand Columbus, wie das Biskuit in der Hitze und Feuchtigkeit so wurmstichig wurde, dass viele Matrosen auf die Dunkelheit warteten, um daraus einen Brei zu fertigen, weil sie die Maden nicht mehr sehen konnten. Erleichterung schafften die Vorräte aus salzigem Mehl, das man mit Wasser zu Rollen knetete und in den Aschen des Feuers buk.

Ansonsten musste man für die erste Wache vielleicht mit einer Knoblauchzehe vorlieb nehmen, mit ein wenig hartem Käse und einer eingelegten Sardine – auf jeden Fall mit dem, was ausgeteilt wurde, denn die Vorräte waren streng rationiert.

Das einzige warme Mahl wurde zur Mittagszeit eingenommen. Teilweise geschützt auf dem Vorderdeck über mehreren Schichten von Erde oder Sand war eine Feuerbüchse angelegt, in der die Schiffsjungen grosse Töpfe mit gepökeltem Fleisch oder gepökeltem Fisch und Linsen oder Bohnen in Olivenöl brieten. Jeder Matrose erhielt seinen Anteil in einer Holzschüssel, woraus er mit den Fingern und seinem Messer ass, das er immer bei sich trug und für die verschiedensten Zwecke verwendete. Die Schiffsleitung unterhielt vermutlich eine eigene kleine Feuerstelle, auf der ihre Diener kochten, aber wie die teils über hundert Seemänner auf einem kleinen Schiff wie der Niña 1496 mit einer einzigen Feuerstelle bedient werden konnten, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Köche, die sich eigens um das Essen und die Vorräte kümmerten, sind erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bezeugt.

Abends, bevor sich der Seemann irgendwo niederlegte, wenn er nicht die unbeliebte Wache von elf bis drei Uhr nachts halten musste, spülte er das übliche Schiffsgebäck mit Wein herunter, oder wenn der Wein ausgegangen war, mit Wasser. Die Seemänner des Südens tranken im Gegensatz zu ihren nördlichen Nachbarn kein Bier, das in der Wärme bald sauer wurde.

So sah der Speiseplan auf Columbus’ Schiffen aus. Wir haben keine Hinweise, dass er sich bis 1600 auf den anderen Schiffen in seiner Art wesentlich unterschieden hätte. Erst als die Kartoffel, ein Segen der Neuen Welt, und Kaffee und Tee aus Indien Einzug hielten, als der sonnengetrocknete Kabeljau aus Neufundland den gepökelten Hering ersetzte, wurde das Essen an Bord etwas reichhaltiger.

Dieses Essen war dürftig, aber seine Dürftigkeit war nicht das Problem. Der amerikanische Historiker und Admiral Samuel Eliot Morison führt aus, dass die Matrosen damit nicht schlechter fuhren als Bauern oder Arbeiter an Land, es sei denn ein Unwetter verhinderte den Unterhalt eines Feuers. Die wirklichen Probleme lagen dagegen in der ständigen Gefahr der Verknappung auf langen Fahrten und in einer unheimlichen, tödlichen Bedrohung, die von der einseitigen Ernährung ausging: der Mangelkrankheit Skorbut.

Columbus verlor keinen einzigen Mann auf einem Schiff, weder durch Hunger noch durch Krankheit, aber er stellte damit die einzigartige Ausnahme. Sie kann nur mit der geringen Dauer seiner Fahrten erklärt werden. Auf seinen ersten drei Reisen überquerte er den Atlantik von den Kanarischen Inseln in dreissig bis vierzig Tagen, auf seiner vierten brauchte er dazu nur noch drei Wochen – zu wenig lang, um Mangelsymptome zu entwickeln. Hungersnöte und Mangelkrankheiten waren dafür die unvermeidlichen Begleiter auf jeder Fahrt in die südliche Hemisphäre und besonders in den Pazifischen Ozean.

Schon Bartolomeu Diaz’ Mannschaft, die als erste das Kap der Guten Hoffnung umrundete, musste alles erdulden, was die nachfolgenden Entdeckungsfahrten prägte: Um die Weihnachtszeit 1487 erreichten sie Angra Pequena im heutigen Namibia und liessen ihr Proviantschiff mit einer kleinen Besatzung zurück. Fast ein halbes Jahr fuhren sie darauf weiter an der Küste Afrikas entlang bis in den Indischen Ozean, obwohl die Mannschaft bald erschöpft war und auf die Rückkehr drängte. Die Männer zeig­ten Symp­tome, die später auch Vasco da Gamas Chronist beschrieb: „Viele unserer Leute wurden hier krank; Füße und Hände schwollen an, und der Gaumen wuchs ihnen über die Zähne, so daß sie nichts mehr essen konnten.“

Die Nachricht von geschwollenen Händen, Füßen und Gaumen bleibt in der Folge eine Konstante in den Berichten der Seefahrten bis 1700, die den kritischen Zeitraum von zehn aufeinander folgenden Wochen auf hoher See überschritten. Man schätzt, dass zwischen 1500 bis 1700 etwa zwei Millionen Matrosen an Skorbut starben. Das hat drei wesentliche Gründe: die Notwendigkeit, sich einseitig von gut haltbaren oder verarbeiteten Nahrungsmitteln zu ernähren, ein mangelndes Verständnis und eine irrtümliche Auffassung von der Krankheit sowie die mangelnde Vernetzung von Information.

Hunger nach Obst

Die Zeit der Entdeckungsfahrten kannte nur wenige, traditionelle Methoden, um Esswaren über längere Zeit haltbar zu machen, hauptsächlich die Entziehung von Flüssigkeit durch Hitze oder Salz. Der Weizen wurde in mehreren Verarbeitungsprozessen zu ausgesprochen trockenem Schiffszwieback verarbeitet, und Fisch und Fleisch konnte in Salz entweder eingelegt oder gepökelt werden. Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen wurden trocken gelagert. Dazu kam die Verarbeitung von Milch zu Käse und die Pressung und Gärung von Trauben zu Wein.

Vom Energiegehalt her mochte eine Seemannsdiät, die aus diesen Produkten bestand, durchaus genügen, was aber praktisch fehlte, waren die Vitamine A und vor allem C, das Ascorbin. Die Matrosen müssen ein instinktives Verlangen nach frischen Früchten in sich verspürt haben, in denen diese Vitamine angereichert sind. Schon der Chronist von Vasco da Gama erzählt, dass die Orangen, die an Bord getragen wurden, «von den Kranken sehr begehrt wurden». Eugenio Salazar, ein spanischer Beamter, der 1573 nach Santo Domingo fuhr, berichtet, wie die Matrosen während dem Essen nur darüber sprachen, was sie nicht haben konnten: weisse Trauben aus Guadalajara, Karotten aus Somo Sierra, Himbeeren aus Ilesca.

Das zeitgenössische medizinische Verständnis schenkte diesem Verlangen wenig Beachtung, denn das Konzept der Mangelkrankheit entstand erst im 19. Jahrhundert. Die Skorbutsymptome schrieben die Kapitäne abwechselnd positiv vorhandenen Ursachen wie schlechten Wind- und Wetterverhältnissen, verdorbener Nahrung und schlechtem Wasser, sogar der Ansteckung durch die Eingeborenen zu. Die Miasmen- und Kontagientheorien, die ihren Ursprung im Mittelalter und der Antike haben, hielten sich bis ins 18. Jahrhundert. Sie suchten die Ursache von Krankheiten in der verunreinigten Luft bzw. der ansteckenden Verbreitung durch die Menschen.

Auf den Schiffen herrschte deshalb ein peinlicher Wille zur Sauberkeit. Häufiges Schrubben und Desinfizieren des Schiffes mit Essig war Pflicht, und die Hygiene jener Zeit schrieb von Kopf bis Fuss eine wollene Kleidung vor, die selten ausgezogen wurde.

Vergessenes Wissen

Das erstaunlich Tragische an der Geschichte des Skorbuts ist aber, dass trotz dieser irrtümlichen Auffassung von der Krankheit ihre Heilung immer wieder beschrieben, aber immer wieder vergessen wurde.

Schon früh erkannten portugiesische Seefahrer Orangen und Zitronen als wirksames Heilmittel, dieses Wissen ging aber vergessen. Ab 1600 verabreichten einzelne Seeleute der englischen Marine den Kranken erfolgreich Zitronensaft. Die East India Company erkannte sogar die prophylaktische Wirkung des Safts, dieses Wissen wurde aber nicht nach aussen getragen. Eine mangelnde Vernetzung von Information machte es zum Beispiel auch möglich, dass der spanische Missionar Antonio de la Ascensión den Skorbut 1602 für ein lokales Phänomen hielt, das er den kalten Winden zwischen den Philippinen und Mexiko zuschrieb – nach einem Jahrhundert fortwährender Erfahrung der Krankheit auf hoher See. Seine Beschreibung der Heilung durch den Saft einer kleinen Frucht ging vergessen. 1534 schilderte der französische Kapitän Jacques Cartier die Heilung durch den Saft eines Baumes, aber schon sieben Jahre später auf einer Nachfolgeexpedition war dieses Wissen vergessen. Noch nachdem der englische Marinearzt James Lind Mitte des 18. Jahrhunderts die Wirksamkeit von Zitronen und Orangen vor allen anderen Arzneimitteln wissenschaftlich nachgewiesen hatte, sollte es mehrere Jahrzehnte dauern, bis der Zitronensaft als Skorbutprophylaktikum allgemein in die europäische Marine eingeführt wurde.

Lebenswichtige Vitamine

Die Institutionalisierung, Standardisierung und Verbreitung des Wissens, die seit der Aufklärung so stark vorangetrieben werden, haben die Gefahr sehr verringert, dass sich diese traurige Geschichte des Vergessens wiederholt.

Skorbut und andere Mangelkrankheiten erweiterten entscheidend unser Wissen von der Ernährung. Die Idee, dass Krankheit auch aus einem Mangel heraus entstand, brachte ein neues Paradigma in der Medizin und führte Anfang des 20. Jahrhunderts zur Isolierung lebenswichtiger, bis anhin unbekannter Substanzen, die man „Vitamine“ nannte. Heute ist die Behandlung von Skorbut dankbar, denn eine tägliche Zufuhr von zweihundert bis tausend Milligramm Vitamin C bessert den Zustand des Patienten innerhalb weniger Tage. Die Krankheit tritt noch in den ärmeren Teilen der Welt sporadisch auf als Folge allgemeiner Unterernährung.

Erstmals erschienen in etü 1/2009.

Literatur

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Carpenter, Kenneth J.: The History of Scurvy and Vitamin C, Cambridge 1986.

Cuppage, Francis E.: James Cook and the Conquest of Scurvy, Westport 1994.

Fury, Cheryl A.: Tides in the Affairs of Men. The Social History of Elizabethan Seamen, 1580-1603, Westport 2002.

Hughes, R. E.: Vitamin C, in: Kiple, Kenneth F. et al. (Hrsg.): World History of Food I, Cambridge 2001, S. 754-763.

Hughes, R. E.: Scurvy, in: Kiple, Kenneth F. et al. (Hrsg.): World History of Food I, Cambridge 2001, S. 988-999.

Love, Ronald S.: Maritime Exploration in the Age of Discovery, 1415-1800, Westport 2006.

Morison, Samuel Eliot: The European Discovery of America, Bd. 1: The Northern Voyages. A.D. 500-1600, New York 1971 und Bd. 2: The Southern Voyages. 1492-1616, New York 1974.

Müller, Irmgard: Geißel der Seefahrt. Über Skorbut und Zitrusfrüchte, in: Schiff und Zeit 3, Herford 1976, S. 33-42.

Porter, Roy: Die Kunst des Heilens: eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute, aus dem Engl. übers. von Jorunn Wissmann, Heidelberg 2003.

Watt, J./ Freeman E. J./ Bynum, W. F. (Hrsg.): Starving Sailors. The Influence of Nutrition upon Naval and Maritime History, London 1981.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Eigentlich schon komisch, dass bei Columbus Entdeckung niemand an Skorbu erkrankt ist...

Lord Matthew hat gesagt…

Villeicht haben sie ja ab und an Früchte gegessen ;)