Montag, 2. Februar 2009

Hayden White, Metahistory

1. Der Autor
2. Titel des Werks
3. Ausgangssituation
4. Theorie: die narrative Erklärungsstrategie
5. Kritik von Seiten der Historiker
6. Thesen
7. Auszug aus Metahistory
8. Quellenübung: Leopold Ranke
9. Fussnoten
10. Exzerpte
11. Literatur

1. Der Autor

Hayden White (*1928 im US-Bundesstaat Tennessee) lehrte Bewusstseinsgeschichte an der University of California, Santa Cruz (südlich von San Francisco) und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

Bewusstseinsgeschichte «ist ein interdisziplinäres Fach an der geisteswissenschaftlichen Fakultät mit Verbindung zu den Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften und den Kunstwissenschaften. Sie befasst sich mit den Formen menschlichen Ausdrucks und Verhaltens, wie sie sich in den spezifischen historischen, kulturellen und politischen Kontexten äussern.»1

Beide Fachwissenschaften, die Bewusstseinsgeschichte und die Vergleichende Literaturwissenschaft sind weit ausgerichtet und verfolgen einen interdisziplinären Charakter. Vgl. These 1. Whites wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in der Untersuchung der narrativen Strukturiertheit der Geschichtswissenschaft. Geisteswissenschaftlich ist er dem Formalismus (Signifikant bestimmt Signifikat), dem Strukturalismus (Signifikanten bestimmen einander gegenseitig) und der Bewegung des Linguistic Turn zuzurechnen. Vgl. These 2. Als Whites Hauptwerk gilt Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, erschienen 1973, dt. 1991

2. Titel des Werks

Metahistory bedeutet Metageschichtsschreibung, d.i. das Schreiben über Geschichtsschreibung. Der metahistorische Diskurs sucht nach metahistorischen Elementen in der Geschichtsschreibung. Jedes historische Werk hat nach White zwei Ebenen:
  1. die manifeste Ebene, darunter fallen die Oberflächenstruktur, epistemologische, ästhetische, moralische Dimensionen, theoretische Begriffe und
  2. die latente Ebene, die Tiefenstruktur, die verschiedenen vorkritischen Mechanismen, die zur Erklärung und Strukturierung von Sachzusammenhängen angewandt werden.2
Die Elemente der latenten Ebene sind metahistorisch. Vgl. These 3.

3. Ausgangssituation

Spätestens seit der Aufklärung stellt sich das Problem, dass es verschiedene Darstellungen über dieselben historischen Ereignisse gibt, die gleichermassen einleuchtend sind, sich aber gegenseitig ausschliessen oder widersprechen.

Dieser Sachverhalt provoziert mehrere Fragen, die im Lauf der Geschichte unterschiedlich beantwortet wurden:
  1. Ist die Geschichtsschreibung zu einem objektiven Erfassen von Tatsachen fähig? Kann sie die Wahrheit erkennen?
  2. Ist die Geschichtsschreibung eine Wissenschaft?
  3. Inwiefern unterscheidet sich die geschichtliche Erzählung von der poetischen Erzählung?
Als Antwort auf die verschiedenen Formen der Geschichtsschreibung in der Voraufklärung – die Kirchengeschichte, Ethnographiegeschichte, die antiquarische und die galante Geschichte – entwarf die Aufklärung eine kritische, reflektierende Geschichtsschreibung.3

Als Antwort auf das skeptizistische, ironische Geschichtsbild der Spätaufklärung, wurden romantische (mythisierende) und idealistische (Geist als Akteur der Geschichte) Konzepte entworfen.

Auf dieser Grundlage bildete sich die akademische Geschichtsschreibung heraus, deren Geschichtskonzeption des 19. Jahrhunderts man unter dem Begriff «Historismus» zusammenfasst:
  1. Postulierte Parteilosigkeit,
  2. zwischen Wissenschaft und Kunst: wissenschaftliche Methode und künstlerische Darstellung,
  3. Schilderung statt Erklärung,
  4. Realismus.
Trotz der breiten Akzeptanz und dem hohen Grad an Selbstreflexion gelang es dem Historismus nicht, sich auf eine allgemein verbindliche Form der Erklärung und ein Begriffsystem zu einigen, die nach White die Grundlage jeder Wissenschaft sind.4 Die Uneinigkeit manifestierte sich in historischen Werken mit unterschiedlichen narrativen Erklärungsmustern und unterschiedlichen ideologischen Implikationen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führten. Die Folge war ein Niedergang des Historismus und eine erneute Welle ironischer Geschichtsbilder, zu denen wir auch Hayden Whites Metahistory zählen dürfen.

White analysiert in seinem Buch die Klassiker des Historismus, die in der Geschichtsschreibung oder Philosophie heute noch den Rang von Vorbildern haben: die Historiker Michelet, Ranke, Tocqueville und Burckhardt und die Geschichtsphilosophen Hegel, Marx, Nietzsche und Croce.

4. Theorie: die narrative Erklärungsstrategie

Es ist eine der ältesten Fragen in der Geschichtswissenschaft, ob die Geschichtsschreibung mehr narrativ oder analytisch sein soll – von Thukydides, der sich durch seine streng analytische Darstellung von dem Geschichtenerzähler Herodot abgrenzte, bis zu dem Streit zwischen der Annales-Bewegung und den Verfechtern der politischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Narrativität wurde mit der diachronischen Darstellung von Ereignissen gleichgesetzt, die Analyse mit der synchronischen Darstellung von Strukturen, die den Ereignissen zugrundeliegen.

White weist nach, dass beide Formen der Darstellung Erzählungen sind, die auf der verschiedenen Gewichtung von drei Arten der Erklärung des historischen Feldes beruhen:
  1. Erklärung durch Formen der narrativen Strukturierung: Einer Erzählung muss ein Anfang, ein Schluss und eine Bedeutung verliehen werden, sonst wird sie niemand lesen. Die Bedeutung wird dadurch bestimmt, wie die Fabeln (die primitive Erzählform) miteinander verbunden werden. White unterscheidet vier Archetypen der antiken Dramatheorie, die bei einzelnen Autoren unterschiedlich vorherrschen: die Romanze (Drama der Selbstfindung, Triumph des Guten über das Böse), die Tragödie (Zustand der Gespaltenheit, Untergang des Protagonisten), die Komödie (Erlösung, Versöhnung) und die Satire (Drama der Trennung, Einsicht in die Unzulänglichkeit des Menschen).
  2. Erklärung durch Art der formalen Argumentation: Der Historiker zieht aus der erzählenden Darstellung logische Schlussfolgerungen vom Allgemeinen auf das Besondere aufgrund von angenommenen Gesetzen (nomologisch-deduktive Beweisführung). White unterscheidet vier Formen, die eine Schlussfolgerung haben kann: die formativistische, die mechanistische, die organizistische und die kontextualistische. Zentral für diese Unterscheidung ist das Verhältnis der Teile zum Ganzen. Vgl. These 4.
    Die formativistische Argumentation bestimmt möglichst genau die Merkmale der Teile im Verhältnis zu den anderen Teilen. Sie erklärt sich Ereignisse anhand von unverwechselbaren Merkmalen, die es von den anderen unterscheiden. White nennt dieses Verfahren deshalb ‹zerstreuend›.
    Die mechanistische Argumentation hält aussergeschichtliche Kausalgesetze handlungsbestimmend. Sie ist eher reduktiv al integrativ, denn sie such nach aussergeschichtlichen Triebkräften, die die Ergebnisse im historischen Feld determinieren.
    Die organizistische Argumentation hält die Einheiten von Phänomenen für grösser als die Summe ihrer Teile. Sie fasst die Einzeldinge als Momente eines synthetischen Geschehens auf, eines grösseren Ganzen. Sie benutzt deshalb häufig Begriffe wie «Geist», «Weltgeschichte» u.a., um anzuzeigen, dass den Ereignissen etwas Grösseres zugrunde liegt.
    Die kontextualistische Argumentation erklärt Ereignisse durch die Rückversetzung in ihren ursprünglichen Kontext. Sie isoliert ein Ereignis und versucht dann, die Fäden zu bestimmen, die dazu geführt haben.
  3. Erklärung durch ideologische Implikation: Ideologie meint hier die bestimmte Position gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft und den Willen zur Veränderung oder Erhaltung. White unterscheidet vier ideologische Grundpositionen: den Anarchismus, Radikalismus, Konservativismus und Liberalismus. Alle erkennen die Notwendigkeit von gesellschaftlichem Wandel an, der Konservativismus allein begrüsst ihn nicht. Der Anarchismus und Radikalismus fordern einen schnellen Wandel; der Radikalismus sieht die utopischen Verhältnisse als unmittelbar bevorstehend, der Anarchismus erkennt in der fernen Vergangenheit eine Gesellschaftsform, die dem Menschen jederzeit wieder offen stehe. Der Liberalismus sieht das utopische Ideal in der fernen Zukunft, der Konservativismus sieht die Gegenwart als bestmögliche Gesellschaftsform, die sich der Mensch in der Geschichte überhaupt noch erhoffen kann.
Das Pikante an diesen drei Erklärungsmustern ist, dass sie nicht unabhängig voneinander sind, sondern Wahlverwandtschaften eingehen. So wird ein Historiker mit einem anarchistischen Weltbild seine Geschichten vorzugsweise als Romanzen strukturieren und formativistisch argumentieren. Die Dominanz von formativistischen und kontextualistischen Modellen seit dem 19. Jahrhundert erweist sich als ein ideologisches Vorurteil.

Auf der formalen Ebene sind diese Affinitäten tropologisch unterschiedlich strukturiert. White unterscheidet vier Arten von Tropen (sprachliche Mittel der Argumentation):
  1. Die Metapher charakterisiert Phänomene nach ihrer Ähnlichkeit, versucht sie darzustellen.
  2. Die Metonymie ist reduktionistisch, indem sie das Ganze auf eines seiner Teile reduziert. Phänomene werden (zum Beispiel kausal) als Teil-zu-Teil-Beziehungen wahrgenommen.
  3. Die Synekdoche ist integrativ, denn sie symbolisiert eine bestimmte Qualität oder Eigenschaft des Ganzen durch einen Teil.
  4. Die Ironie ist negatorisch, sie reflektiert ihre eigene Wahrhaftigkeit und Figürlichkeit, zum Beispiel in der Form des Zweifels.
Die Tropen sind jeweils einer Erklärungsebene zugeteilt. Das zeigt nicht an, welcher Tropus für welches Erklärungsmuster am meisten verwendet wird, sondern welcher tropologische Vorgang vorherrschend ist: der darstellende, der reduktionistische, integrative oder negatorische.

Um es zu interpretieren, muss der Historiker das historische Feld zuerst begrifflich fassen. Dieser poetische Akt der «Begrifflichmachung» des historischen Feldes ist nicht von dem sprachlichen Akt der Interpretation trennbar, weil ihm dieselbe tropologische Struktur zugrunde liegt.

Es ergibt sich folgendes Modell:


Die Dominanz und Resonanz eines Erklärungsmusters ist eine Zeiterscheinung, metaphorische, metonymische, synekdochische und ironische wechseln einander in ihrer Vorrangstellung ab. Jede historische Darstellung vereint Elemente aus allen Ebenen; die Frage ist nur, welche Erklärungsstragegie vorherrscht. Die Kombinationen der Affinitäten sind nicht zwingend, im Gegenteil ist es nach White eine Eigenheit grosser Historiker, verschiedene Arten von Erklärungen in dialektischer Spannung miteinander zu verbinden, die nicht zueinander passen.

5. Kritik von Seiten der Historiker5
  1. Die Theorie vertritt einen sprachlichen Determinismus, denn sie besagt, dass der Historiker nur das erkennen kann, was begrifflich fassbar ist. Dabei ändern Historiker im Lauf ihrer Forschung ihre Anschauungen und können zu neuen Erkenntnissen über den Sinn einer Quelle gelangen.
  2. Die Theorie vertritt einen sprachlichen Relativismus, sie ermächtige die Leser, die Sprachfiguren so zu lesen, wie sie momentan gerade gehandelt werden, das münde auch in einen moralischen Relativismus, da die historischen Tatsachen nur noch sprachliche Fiktionen werden. Vgl. Thesen 3 und 5.
  3. Die Theorie betont zu sehr die poetischen, konativen und metasprachlichen Funktionen des historischen Diskurses, wobei der historische Diskurs primär referentiell, expressiv und kommunikativ sein soll.
Vgl. These 6.

6. Thesen
  1. Whites Ansatz ist interdisziplinär. Seine Theorie lässt sich fächerübergreifend auf alle narrativen Texte anwenden, weil die Tiefenstruktur dieselbe bleibt. Er wehrt sich gegen die Unterscheidung von Geschichtsphilosophie und Geschichtsschreibung, und Typisierungen wie «Soziologe» oder «Historiker» lehnt er ab, wenn es um den Beitrag Einzelner zum Wissen geht.6 Für die Unterscheidung zwischen ganzen Disziplinen und ihre Geschichte mögen sie Bestand haben.
  2. Whites Methode ist formalistisch und strukturalistisch. Dabei verbindet er aber die Makrostruktur (das Wie) mit der Mikrostruktur (dem Was) einer Erzählung. White bezeichnet seine Methode selber als «formalistisch»7, was insofern berechtigt ist, als er sich vor allem mit der Figürlichkeit der historischen Rede befasst und ihren unbewussten Implikationen auf die Erklärungsstrategie. Er übernimmt in leicht abgeänderter Form Jakobsons strukturalistische Definition von den Tropen, die sich aus dem Verhältnis der Teile zum Ganzen ergeben. Die Unterscheidung von der Art der Argumentation und der Erzählstruktur ist aber inhaltlich motiviert. Es können keine formalen Gründe genannt werden, warum eine Erzählstruktur komisch (versöhnlich) oder romantisch (befreiend) ist, oder warum die ideologische Implikation anarchistisch oder konservativ ist. Diese Narrationsanalyse hat deshalb auch am meisten Kritik erfahren, Lüsebrink nennt sie «empirisch kaum nachvollziehbar».8
  3. Die Unterscheidung von Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie ist nach White «vorkritisch», weil die Tiefenstruktur dieselbe ist. Was unterscheidet aber die Geschichtsphilosophie von der Metageschichtsschreibung? Die Geschichtsphilosophie hat die Geschichte zum Gegenstand, das ist eine abstrakt angenommene «Wirklichkeit» oder «Wahrheit» aus der Geschichtsschreibung. Sie versucht, aus den gewonnenen Wahrheiten allgemeingültige Gesetze abzuleiten, die sie auf die Zukunft überträgt. Sobald sich die Geschichtsphilosophie mit dem Wesen und der Methode der Geschichtsschreibung befasst, ist sie metahistorisch. Die Metageschichtsschreibung setzt sich mit der narrativen Strukturiertheit der Geschichtswissenschaften auseinander und ist sich ihrer eigenen tropologischen Gemachtheit bewusst.
  4. Das Verhältnis der Teile zum Ganzen, und die Vorstellung vom Ganzen ist bestimmend für Whites Theorie von der Tropologie der Geschichtswissenschaft. Während das Ganze deutlich als Geschichte in ihrer – abhängig von der Erklärungsstruktur unfassbaren oder willkürlich festgesetzten – Gesamtheit zu lesen ist, fehlt eine genaue Definition der Teile in Whites Werk. Es sind die Teile, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt, die einzelnen Daten des historischen Felds. In Anlehnung an Droysens mögliche Formen der historischen Interpretation9 stelle ich fest, dass die Teile je nach der vorherrschenden Interpretationsform mehr die Individuen (bei der psychologischen Interpretation), mehr die Ereignisse (bei der pragmatischen Interpretation), mehr die Bedingungen (bei der teleologischen Interpretation), oder mehr die Ideen sind (bei der ethischen Interpretation).
  5. Der Unterschied zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Texten besteht für White in ihrem Referenten auf der manifesten Ebene. Geschichtswerke verweisen auf Referenten, die ausserhalb des Bewusstseins des Verfassers existieren, während die Referenten der Literatur imaginär sind.10 Allerdings ist es gerade eines von Whites Anliegen, zu zeigen, dass sich Fiktionalität und Nichtfiktionalität, Figürlichkeit und Wörtlichkeit nicht ausschliessen, sondern «Pole eines sprachlichen Kontinuums [sind], zwischen denen sich die Rede bei der Formulierung sämtlicher Diskurse [...] bewegen muß.»11
  6. Das Problem mit der Kritik von Seiten der Historiker ist, dass sie die latente Ebene einer Textstruktur mit der manifesten gleichsetzt. Die manifeste Ebene liegt im subjektiven Ermessen des Autors, ist kontrollier- und steuerbar, wie zum Beispiel die Referentialität von Begriffen. Whites Theorie «bestreitet weder, daß es außerhalb des Diskurses existierende Dinge gibt, noch spricht sie uns die Fähigkeit ab, uns in unserer Rede auf derartige Dinge zu beziehen und sie darzustellen. Sie behauptet [...] lediglich, daß sprachliche Referentialität und Darstellung sehr viel komplexer seien, als die älteren Vorstellungen von der Wörtlichkeit der Sprache und des Diskurses glaubten.»12 Sie verkompliziert die manifeste Ebene, indem sie die latente offenlegt und stellt dadurch das Wissen bereit, vorkritische und unbewusste Strukturen – gerade den sprachlichen und moralischen Determinismus – zu hinterfragen.
7. Auszug aus Metahistory

Der folgende Auszug zeigt sehr deutlich, wie Historiker in ihrer Darstellung von ideologischen Implikationen geleitet werden.

«Von Laue [...] unterscheidet zwischen den ‹umfassenderen Schlußfolgerungen der Rankeschen Geschichtsschreibung, mit ihren religiösen Obertönen und der philosophischen Ambition, die göttlichen Absichten im Hinblick auf die Geschichte zu begreifen›, und seiner ‹Methode›, die überlebt habe. Tatsächlich hat, so von Laue, Ranke ‹eine Schule von Historikern hinterlassen, die in der Frage der gemeinsamen Objektivitätsstandards grundsätzlich übereinstimmen. Akademisch verankerte Historiker allerorten betonen die Notwendigkeit des kritischen Studiums möglichst ursprünglicher Quellen, einer Durchdringung aller Details, und der schließlichen Verallgemeinerung und Synthese des Ausgangsmaterials. Nach wie vor halten sie am Ideal der Objektivität und der Unterordnung des Historikers unter seinen Gegenstand fest›.

All dies trifft zu, aber es macht nicht hinreichend klar, in welchem Ausmaß Begriffe wie ‹Objektivität›, ‹kritisches Studium›, ‹Durchdringung der Details› sowie die Formulierung von allgemeinen Aussagen anhand der Betrachtung des ‹Ausgangsmaterials› bestimmte Vorstellungen von Wahrheit und Realität voraussetzen, durch die jene ‹umfassenderen Schlußfolgerungen› begründet werden, die Ranke aus seinem Studium des Materials abgeleitet zu haben behauptet. Rankes enorme Produktivität [...], in der sich ein hoher Forschungsstandard und ein ebensolches Talent zur erzählenden Darstellung spiegeln, läßt sich nur ermessen, wenn man berücksichtigt, mit welcher Gewißheit er seinen Stoff erfaßt und welches Vertrauen er in die Angemessenheit seines Kriteriums für wichtige und unwichtige Belege unter den Daten setzt. Es war das Vertrauen in dieses Kriterium – dessen Beschaffenheit in seinen Augen seine Geschichtsauffassung von der der Positivisten, Romantiker und Idealisten gleichermaßen unterschied –, das den Beifall der Historiker – konservativer wie liberaler, professioneller wie amateurhafter – seiner Epoche fand, und zwar in einem Maße, daß er zum Vorbild ‹realistischer› historischer Erkenntnisarbeit wurde.

Ranke erfaßt intuitiv, daß die Historiographie des neuen Zeitalters, sollte sie den Zwecken dienlich sein, zu denen seine Wertvorstellungen sie bestimmten, zunächst die metonymische Darstellungsform mit ihrem mechanistischen Begriff der Verursachung und ihren ironischen Konsequenzen für Werte und Ideale verwerfen müsse. Diese Kritik bedurfte keiner weiteren formalen Rechtfertigung, da sie ja Herder bereits geleistet hatte. Zudem hatten Revolution und Reaktion den Bankrott aller abstrakten Repräsentation gesellschaftlicher Wirklichkeit besiegelt, und der Romantizismus hatte in Kunst und Dichtung die irrationalen Handlungsantriebe des Menschen offengelegt. Doch das historische Denken konnte sich ebensowenig auf eine bloß metaphorische Beschreibung des historischen Feldes zurückziehen und gleichzeitig Anspruch auf den Titel einer ‹Wissenschaft› erheben, die sie für Ranke sein mußte, wenn das Fach Objektivität behaupten wollte. Gleichzeitig war der unvermittelte Schritt in eine synekdochische Historiographie versperrt, die nach formalen Zusammenhängen im historischen System fahndet – denn hier drohte die Versuchung des Idealismus. Ranke verleiht deshalb dem historischen Feld eine metaphorische Vorstruktur, die das Interesse primär auf die Ereignisse in ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit, ihrer Lebendigkeit und Mannigfaltigkeit lenkt, und entwickelt dann ein synekdochisches Verständnis von ihm als Feld formaler Zusammenhänge, deren schließliche Einheit man sich in Analogie zu derjenigen der Teile vorstellen kann. Dieses Verfahren entlastet Ranke nicht nur davon, allgemeingültige kausale und relationale Gesetze der Geschichte – ob nun in synchronischer (positivistischer) oder in dialektischer (hegelischer) Manier – ausfindig machen zu müssen, es begünstigt auch die Überzeugung, daß die höchste Erklärungsweise, die der Historiker anstreben könne, die einer narrativen Beschreibung des Geschichtsprozesses sei. Ranke gewahrt jedoch nicht, daß man zwar ein romantisches Konzept im Namen der Objektivität verwerfen kann, daß man aber, solange Geschichtsschreibung als Erklären durch Erzählen verstanden wird, aufgefordert ist, die formgebende Erzählstruktur zur Aufgabe des Erzählens zu machen.
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8. Quellenübung: Leopold Ranke

Ranke gilt als Begründer des Historismus. Er machte das Quellenstudium zur Grundlage der Geschichtswissenschaften. Unten ist ein Ausschnitt eines Essays aus dem Jahr 1833 abgedruckt. Lies ihn mit Blick auf folgende Fragen: Welche Erklärungsstrategien wendet Ranke an? Wie können wir ihn nach Whites Theorie einordnen? Beachte dabei vor allem, welche Teile Ranke voraussetzt und zu welchem Ganzen er sie in Beziehung setzt.

«Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung; vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug, daß es die großen Mächte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines jeden insbesondere lebendig erneuert.

Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.

In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Ver­bindungen gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen mehrere größere durch ein politisches System verknüpfte Königreiche und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der mazedonisch-griechischen Königreiche nach Alexander erwähnen. Sie bietet manche Ähnlichkeit mit der unserigen dar: eine sehr weit gediehene gemeinschaftliche Kultur, mili­tärische Ausbildung, Wirkung und Gegenwirrung verwickelter auswärtiger Verhältnisse; große Bedeutung der Handels­interessen, der Finanzen, Wetteifer der Industrie, Blüte der exakten, mit der Mathematik zusammenhängenden Wissenschaften. Allein jene Staaten, hervorgegangen aus der Unter­nehmung eines Eroberers und der Entzweiung seiner Nach­folger, hatten keine besonderen Prinzipien ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden vermocht. Auf Soldaten und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so bald auf­gelöst, verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt, wie Rom sie so rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum, weil Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht der Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der all­gemeinen Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereig­nisse gegeben hat, geeignet, einen solchen Irrtum zu zer­trümmern, so sind es die Ereignisse unserer Zeit gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen Kraft, der Nationalität für den Staat endlich einmal wieder zur Anschauung in das allgemeine Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren Staaten allgemeine Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren Staaten geworden, hätten sie nicht neues Leben aus dem nationalen Prinzip, auf das sie gegründet waren, empfangen? Es wird sich keiner überreden, er könne ohne dasselbe bestehen. Und so sage man denn nicht, daß doch durch jene Veränderun­gen, die sich allenthalben ereignen, alle Staaten mehr oder minder einander gleich geworden, daß sie auf derselben Stufe wie der französische befindlich seien, daß zuletzt allen drohe, was dieser erfahren habe. Es ist, wenn ich nicht irre, deutlich, daß Frankreich viel wirksamer gewesen durch den Gegensatz, den es hervorgerufen, als durch die Nachahmung, die es veranlaßt hat. Wie will man doch den Unterschied verkennen, der zwischen der Umwälzung in Frankreich und den Veränderungen in anderen Staaten obwaltet? Dort hat sich die Empörung, nachdem sie den Sieg erfochten, auch zum Herrn gemacht; eben darum hat ihr Staat niemals zur Konsistenz kommen können, weil dies Prinzip an seinem Ursprung haftet. Nun sind aber die Resultate der Revolution von der Restauration niemals in ihrem Wesen angetastet worden, ja sie haben sich vielmehr unter der Ägide derselben konsolidiert und mit der legitimen Dynastie in fortwährendem Widerspruch erhalten. In den übrigen Ländern aber ist die oberste Gewalt im Bunde mit den größeren Freiheiten, die sie gewährt; ihre Stellung selbst ist dadurch unabhängiger und kräftiger ge­worden. Man lasse sich doch nicht durch einen flüchtigen Schein täuschen, der so oft wiederkommt! In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts schienen die europäischen Fürsten mit der französischen Philosophie im Bunde zu sein. Es beruhte dies auf manchen andern Gründen; doch war es auch darum natürlich, weil diese Richtung die Opposition einer Regierung machte, welche noch immer das Übergewicht in Europa in Anspruch nahm. Darum weil Friedrich II. die französischen Philosophen bei sich aufnahm, sie beschützte, ihre Meinungen teilte, fiel es ihm doch nicht ein, auch seinen Staat nach ihren Theorien einzurichten; ihren praktischen Tendenzen hat er sich immer lebhaft widersetzt. In dem revolu­tionierten Staat bilden dagegen, die Theorien der Gazette und der Quotidienne und die Interessen, welche sie verfechten, die Opposition. Es ist sehr natürlich, daß sie in dem übrigen Europa Anklang finden. Allein daß die Staaten nach diesen Ansichten eingerichtet, umgewandelt werden sollten, ist des­halb nicht zu erwarten. Der Stabilität der erblichen Aristo­kratie des alten Frankreichs setzte man allerdings eine größere freiere Bewegung, der unaufhörlichen wilden Bewegung des modernen setzt man eine größere Stabilität entgegen; aber nichtsdestominder geht doch die Entwicklung der Staaten ihren eigenen Gang und folgt ihrem eigenen Prinzip.

Wenn nun der revolutionäre Geist, der sich im Jahre 1830 in Frankreich so plötzlich wieder erhob, nach allen Seiten um sich gegriffen und alle seine Analogien, wie er sie während des allgemeinen Umsturzes sich selbst geschaffen, neuerdings belebt, an sich gezogen hat und in tausend Versuchen Europa zu revolutionieren hervorgetreten ist, so ist doch schwerlich zu fürchten, daß seine Bewegung nochmals eine allgemeine Umkehr hervorzubringen fähig sein werde.

Zwar wäre für die unvertilgbare französische Anmaßung, die Welt zu regieren, der revolutionäre Geist kein verächt­licher Bundesgenosse; auf allen Punkten der ehemaligen französischen Übermacht hat er sich gewaltig geregt und auf die Weltstellung des Augenblicks doch einen bedeutenden Einfluß gehabt. Aber einmal findet er notwendigerweise in sich selber seinen Widerstand; mit dem revolutionären Geiste allein kann kein Staat haushalten, sein Ursprung sei auch welcher er wolle, er kann ihn sich nicht über den Kopf wachsen lassen. Sodann aber brauchen wir nur zu betrachten, welche Wirkung aus seinen ersten Angriffen hervorgegangen ist. Hat er nicht wieder dazu dienen müssen, eine Nationalität zu erwecken, zu beleben, an deren Dasein man kaum glaubte? Dies Holland, das dem vorigen Anfalle der französischen Revolution so völlig unterlag, das darauf eine wenig be­deutende Provinz des Kaiserreichs bildete, wie hat es sich jetzt in dem Gefühle seines alten Ruhmes, seiner unvertilgbaren Bestimmung so mutig erhoben, so wacker gehalten! Allerdings ist das nicht ohne eine außerordentliche Festigkeit der Regierung und eine große freisinnige Hingebung der Nation, ohne eine Verschmelzung der beiderseitigen Inter­essen geschehen; aber eben dies gehört dazu, um Widerstand zu leisten; mit der Negation ist es nicht getan; Kraft muß man der Kraft entgegensetzen.

Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen, Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so zweifelhafte Förderung der Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind Kräfte und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwickelung er­blicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mit­gefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen. Sie blühen auf, nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, bestreiten, beschränken, überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich schließt, liegt das Geheimnis der Weltgeschichte.
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9. Fussnoten

1 University of California, eigene Übersetzung.
2 Vgl. White, Metahistory, S. 9-12 und 560.
3 Ebd., S. 83-84.
4 Vgl. ebd., S. 27-28.
5 Vgl. White, Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, S. 83-88.
6 Vgl. White, Metahistory, S. 297.
7 White, Metahistory, S. 563.
8 Lüsebrink, Tropologie, Narrativik, Diskurssemantik, S. 357. Ähnlich kritisch äussert sich Barberi, Clio verwunde(r)t, S. 87-88.
9 Vgl. White, Metahistory, S. 354. Droysen unterscheidet vier Formen der historischen Interpretation: die psychologische (Hauptaugenmerk auf die Akteure der Ereignisse, die pragmatische (kausale, Hauptaugenmerk auf die Ursachen von Ereignissen), die Interpretation der Bedingungen (teleologisch, gesellschaftliche, kulturelle, natürliche Faktoren hinter den Ereignissen), die Interpretation der Ideen (ethische, moralische Bewegungen, Ideenbildung).
10 Ebd., Anm. 5, S. 569 und White, Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, S. 73.
11 White, Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, S. 87-88.
12 Ebd., S. 88.
13 Ebd., S. 217-219 (vorkritische Elemente markiert von P.D.).
14 Ranke, Die grossen Mächte, S. 38-40 (Erklärungsstrategien unterstrichen von P.D.).

10. Exzerpte

Exzerpt von Whites Metahistory
Exzerpt von Whites Aufsatz Literaturtheorie und Geschichtsschreibung

11. Literatur

Barberi, Alessandro: Clio verwunde(r)t. Hayden White, Carlo Ginzburg und das Sprachproblem in der Geschichte, Wien 2000.

Kansteiner, Wulf: Hayden White's Critique of the Writing of History, in: History and Theory 32, Middletown 1993, S. 273-296.

Lüsebrink, Hans-Jürgen: Tropologie, Narrativik, Diskurssemantik. Hayden White aus literaturwissenschaftlicher Sicht, in: Küttler, Wolfgang u.a. (Hrsg.): Geschichtsdiskurs Band 1: Grundlagen und Methoden der Historiographiegeschichte, Frankfurt/M. 1993, S. 355-361.

Ranke, Leopold von: Die grossen Mächte. Fragment historischer Ansichten, Göttingen 1963.

White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt/M. 1991.

White, Hayden: Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, in: Nagl-Docekal, Herta (Hrsg.): Der Sinn des Historischen. Geschichtsphilosophische Debatten, Frankfurt/M. 1996, S. 67-106.

Zill, Rüdiger: Die Tropen des Historischen. Hayden White und Hegel, in: Hegel-Jahrbuch 1995, Berlin 1996, S. 84-93.

Kommentare:

Wolf hat gesagt…

Hallo Peter,

ich danke dir für diese Informationen,sie helfen mir bei einer Hausarbeit.

Eine Frage habe ich jedoch: Was versteht man unter einem "ironischen Geschichtsbild"? Und in wie fern zählt Whites Metahistory dazu?

Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das genauer ausführen könntest.

Liebe Grüße aus Frankfurt

Hue Ngo

Peter Dürmüller hat gesagt…

Hoi Hue

"ironisch" meint in diesem Kontext, dass sich die Historiker auf die Form, nicht auf den Inhalt der Quellen konzentrieren und dadurch die Texthaftigkeit der Überlieferung und mit ihr ihren Konstruktionscharakter zum eigentlichen Thema machen.

Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen! herzlich, Peter

Friederike Wenzel hat gesagt…

Hallo Peter,

vielen Dank für deinen Eintrag: ein übersichtlicher und gut zu lesender Überblick über das Werk!

Friederike

Roman Meier hat gesagt…

Ein guter Text, kann ich gut gebrauchen.