Dienstag, 3. Februar 2009

Die Bewegung des Panslawismus in Osteuropa und Russland

Begrifflicher Umriss

Der Panslawismus ist nach Snyder (1984) die älteste und bekannteste Pan-Bewegung (pan < gr. ‹all›). Panbewegungen sind makronationalistische Strömungen, die eine übernationale Vereinigung bestimmter Völker anstreben. Charakteristiken der Pan-Bewegungen:
  1. Das Gefühl der Einzigartigkeit und Überlegenheit der Völker, deren Einheit aufgrund kultureller, religiöser, historischer oder geographischer Nähe angestrebt wird.
  2. Die Vorliebe für den bewaffneten Kampf, die militante Aggression (nach Snyder 1984, S. 5-6).
Aus dieser allgemeinen Definition lässt sich die Bedeutung von «Panslawismus» ableiten: Die panslawistische Bewegung strebte aufgrund einer angenommenen Überlegenheit (bzw. auch nur eines Differenzgefühls) die Vereinigung aller slawischen Völker an.

Genealogie des Panslawismus

Der frühe ostmitteleuropäische Panslawismus

Als Geburtsstunde des politischen Panslawismus gilt der Prager Kongress vom Juni 1848 unter der Führung von František Palacký (1798-1876), einem tschechischen Historiker und Politiker. Unter Abwesenheit aller nicht-österreichischen Slawen (vor allem Russlands) beschworen die Gesandten die Einheit und Zusammenarbeit aller Slawen. Der Kongress hatte keine grosse politische Wirkung, signalisierte aber Stärke einer vernachlässigten Minderheit.

Dem frühen ostmitteleuropäischen Panslawismus ist eine mythologische, antirationale Verklärung einer gemeinsamen slawischen Vergangenheit eigen; seine geistigen Ursprünge liegen bei Rousseau, Herder und der Romantik. Ansätze zu den von den Slawophilen postulierten Wesenszügen der Slawen: friedliebend, naturverbunden, poetisch, leidbegabt, finden sich schon in Johann Gottfried Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit aus den Jahren 1785-91:

«Sie liebten die Landwirtschaft, einen Vorrat von Herden und Getreide, auch mancherlei häusliche Künste und eröffneten allenthalben mit den Erzeugnissen ihres Landes und Fleißes einen nützlichen Handel. Längs der Ostsee von Lübeck an hatten sie Seestädte erbauet, unter welchen Vineta auf der Insel Rügen das slawische Amsterdam war; so pflogen sie auch mit den Preußen, Kuren und Letten Gemeinschaft, wie die Sprache dieser Völker zeiget. Am Dnepr hatten sie Kiew, am Wolchow Nowgorod gebauet, welche bald blühende Handelsstädte wurden, indem sie das Schwarze Meer mit der Ostsee vereinigten und die Produkte der Morgenwelt dem nörd- und westlichen Europa zuführten. In Deutschland trieben sie den Bergbau, verstanden das Schmelzen und Gießen der Metalle, bereiteten das Salz, verfertigten Leinwand, braueten Met, pflanzten Fruchtbäume und führeten nach ihrer Art ein fröhliches, musikalisches Leben. Sie waren mildtätig, bis zur Verschwendung gastfrei, Liebhaber der ländlichen Freiheit, aber unterwürfig und gehorsam, des Raubens und Plünderns Feinde. Alles das half ihnen nicht gegen die Unterdrückung, ja es trug zu derselben bei. Denn da sie sich nie um die Oberherrschaft der Welt bewarben, keine kriegssüchtige erbliche Fürsten unter sich hatten und lieber steuerpflichtig wurden, wenn sie ihr Land nur mit Ruhe bewohnen konnten, so haben sich mehrere Nationen, am meisten aber die vom deutschen Stamme, an ihnen hart versündigt» (Herder 1965, S. 280).

Dieser Text wirkte wie elektrisierend auf die Slawen und war prägend für das slawische Selbstverständnis. Darauf gründen sich noch heutige Klischees genauso wie verbreitete Aussen- und Eigenbilder.

Der ostmitteleuropäische Panslawismus war im wesentlichen friedliebend und staatstreu gesinnt und eine mehr geistige als politische Strömung. Politisch kämpfte er für die Gleichberechtigung der slawischen Völker innerhalb der Monarchie Österreich-Ungarns.

Der russische Panslawismus

Hinter der russischen Version des Panslawismus stehen verschiedenste nationalistische Strömungen, die ihren Ursprung alle in den Ereignissen der Napoleonischen Kriege haben. Voll von den Eindrücken des als ‹frei› und ‹wohlhabend› empfundenen Westens kehrten die russischen Offiziere ins Vaterland zurück und wurden mit der Unbeweglichkeit der herrschenden Zustände konfrontiert.

Die Dekabristen (nach dem Datum des Aufstands 1825) übernahmen das nationalistische Gedankengut des Westens, das sich fest in der russischen Gedankenwelt etablieren sollte:
  1. Denken in Volks- statt dynastischen Kategorien
  2. Forderung nach einer Reinigung der russischen Sprache von Fremdwörtern
  3. Russifizierung, Forderung nach einer Assimilation der Juden
  4. Forderung nach der Verschmelzung aller Slawen zu einem Volk
  5. Homogenisierung, Forderung nach einem Einheitsstaat und einem einheitlichen Denken. Die Forderung nach einem Einheitsstaat war wie in Deutschland zu damaliger Zeit stets mit einem revolutionären Gedankengut verknüpft (nach Golczewski u.a. 1998, S. 19-20).
Alle nachfolgenden nationalistischen Strömungen, ob staatsnahe oder staatsfeindliche, nahmen auf diese Gedanken Bezug. Als direkte Reaktion auf die Dekabristen schuf Uwarow (1785–1855), der Bildungsminister unter Nikolai I., einen offiziellen Staatsnationalismus nach der folgenden Trinität:
  1. Autokratie: Die uneingeschränkte Herrschaft ist die beste Regierungsform für Russland
  2. Rechtgläubigkeit: Jeder gute Bürger Russlands sollte orthodoxen Glaubens sein. Dieses panrussische Gedankengut führte später zu der Unterdrückung der Polen, zu den Pogromen gegen die Juden und die Feindseligkeiten gegen die ausländischen Berater.
  3. Nationalgefühl (nach Carter 1995, S. 23-24).
Als Reaktion auf die europafreundlichen Schriften u.a. eines Tschaadajew (1794-1856) meldete sich in den 40er-Jahren die sogenannte slawophile Strömung zu Wort: Wie die tschechischen Nationalisten unter František Palacký verklärten sie die vorpetrinische Vergangenheit der Slawen, erhöhten die russische bäuerliche Lebensart gegenüber dem ‹oberflächlichen›, ‹rationalistischen› Wesen der Europäer. Sie standen dem nachpetrinischen ‹europäischen› Zarentum kritisch gegenüber, wiewohl sie autokratisch gesinnt waren.

Nach dem Krimkrieg (1853-1856) kam es zu einer Synthese zwischen der Slawophilie, der vormals rein geistigen Bewegung, die sich jetzt der Notwendigkeit des politischen Aktivismus bewusst wurde, und dem offiziellen Nationalismus, der sich von dem Prinzip des Legitimismus endgültig abwendete. Beide Strömungen wurden sich der Notwendigkeit von Reformen bewusst. Es kam zu einer spezifisch russischen Form des Panslawismus, die zum Beispiel einen geistigen Vertreter in dem Schriftsteller Dostojewski (1821-1881) findet und sich ungefähr in folgenden Punkten äussert:
  1. Glauben an eine messianische Sendung des russischen Volks, an ein ‹neues Wort› (Dostojewski), das es der Welt bringen wird, damit verbunden eine
  2. Vereinigung aller Slawen unter russischer Vorherrschaft, die durch einen
  3. aggressiven militärischen Expansionismus erreicht werden sollte und zur
  4. Ausbreitung der russischen Sprache und Kultur und der – etwas vagen – Vorstellung einer paradiesisch friedlichen Allmenschlichkeit auf Erden führen sollte.
Das Zentrum der panslawistischen Bewegung verschob sich von Prag nach Moskau. 1867 fand der zweite slawische Kongress in Moskau statt, an dem offensichtlich wurde, dass das Zarenreich nicht die Gleichheit aller Slawen, sondern die Führerschaft aller Slawen unter Russland anstrebte. Polen blieb dem Kongress ostentativ fern.

Politische Konsequenzen des Panslawismus

Im Russisch-Osmanischen Krieg (1877-1878) zeitigte die panslawistische Ideologie erstmals realpolitische Konsequenzen. 1875 erhoben sich die Christen in der Herzegowina, dann auch in Serbien und Bulgarien gegen die türkische Herrschaft. Eine Sympathiewelle in der russischen Bevölkerung führte – durchaus nicht im Sinn des Zaren – dazu, dass russische Offiziere die Kämpfe anführten, und viele russische Freiwillige in den Balkan zogen, um die Slawen zu unterstützen (Fischer Weltgeschichte 31, S. 242). Die serbische Niederlage gegen die Osmanen brachte die russische Regierung in Zugzwang, und es erklärte dem Osmanischen Reich 1877 den Krieg.

In der Folge dieses siegreichen Kriegs wurde die Herrschaft über dem Balkan und der Zugang zum Mittelmeer zu einer fixen Idee der russischen Aussenpolitik. Die Balkanbegeisterung verhinderte am Vorabend des Ersten Welkriegs eine Annäherung an Deutschland, wie es der traditionell deutschfreundlichen Gesinnung der konservativen Rechten entsprochen hätte und förderte die Parteinahme für Serbien (Golczewski u.a. 1998, S. 60).

Snyder interpretiert den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Folge unter anderem des Zusammenpralls zweier makronationalistischer Ideologien: des Panslawismus und des Pangermanismus (Snyder 1984, S. 32). Die nationalistische Ideologie löste in der Aussenpolitik dynastische und religiöse Motive ab.

Quelle

Der achte Teil von Lew Tolstois Roman Anna Karenina spielt vor dem Hintergrund des Russisch-Osmanischen Krieges. Der Protagonist Lewin lehnt das panslawistische Denken einer – seiner Meinung nach – kleinen Elite von Offizieren und Zeitungsleuten ab:

«Nein, ich darf mich nicht mit ihnen einlassen, dachte er [Lewin]. Sie sind unangreifbar gepanzert, und ich stehe nackt vor ihnen da. Er sah, daß er weder seinen Bruder noch Katawassow überzeugen, noch ihnen zustimmen konnte. Was sie predigten, war jene Überheblichkeit des Verstandes, die ihn fast zugrunde gerichtet hatte. Er konnte es nicht billigen, daß ein Dutzend Leute, zu denen auch sein Bruder gehörte, sich das Recht anmaßten, auf Grund dessen, was ihnen ein paar hundert in die Residenzen gekommene renommistische Freiwillige vorschwatzten, zusammen mit ihren Zeitungen als Wortführer des Volkswillens aufzutreten, besonders wenn dieser angebliche Volkswille auf Rache und Mord gerichtet war. Er konnte dem um so so weniger zustimmen, als er im Volke, in dessen Mitte er lebte, einen solchen Willen gar nicht fand und auch in sich selbst nicht spürte, obgleich er doch auch nur einer jener Menschen war, aus denen sich das Volk zusammensetzte. Vor allem aber wußte er wie das Volk überhaupt nicht – und er konnte es auch nicht wissen –, worin eigentlich das allgemeine Wohl bestand, fühlte andererseits jedoch mit instinktiver Gewißheit, daß das allgemeine Wohl nur durch die Erfüllung jenes Gesetzes des Guten erreicht werden konnte, das jedem Menschen offenbart war. Deshalb mußte er den Krieg selbst dann ablehnen, wenn er zu irgendwelchen allgemeinen Zwecken gepredigt wurde.» (Tolstoi 1967, S. 442).

Fjodor Dostojewski kritisierte die ideologische Grundausrichtung des achten Teils von Anna Karenina in seinem Journal Tagebuch eines Schriftstellers:

«I Wieder eine Isolierung. Der Achte Teil des Romans «Anna Karenina»

In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu protestieren: «Was heißt hier ‹Volk›! Auch ich bin ‹Volk›!»
Im separat gedruckten Achten Teil, dem Schlußteil des Romans «Anna Karenina», sagt Léwin, der Lieblingsheld des Autors, von sich, daß auch er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal [...] den «herzensreinen Lewin» genannt. Obschon ich nun unverändert fortfahre, an seine Herzensreinheit zu glauben, glaube ich doch nicht, daß er gleichfalls zum «Volk» gehörte; im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch er sich mit Vorliebe in die Isolierung zurückzieht. [...] Lewin ist natürlich keine konkrete Person, sondern nur die Phantasiegestalt des Dichters; aber dieser Dichter [...] läßt diese Phantasiegestalt teilweise auch seine eigenen Ansichten über unsere gegenwärtige russische Wirklichkeit verfechten, was wohl jedem klar sein wird, der dieses hervorragende Werk zu Ende gelesen hat. So werden wir denn, indem wir von dem nicht konkret existierenden Lewin reden, in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten russischen Zeitgenossen über die heutigen russischen Vorgänge sprechen. [...] Das wesentliche der Ansicht des Autors besteht, wenn ich richtig verstanden habe, darin, daß, erstens, unser Volk sich an dieser ganzen sogenannten nationalen Bewegung gar nicht beteilige und sie sogar überhaupt nicht verstehe; zweitens, daß dies alles absichtlich gefälscht worden sei, zunächst von gewissen Personen, sodann von den Journalisten aufgegriffen und unterstützt worden sei, aus materiellen Gründen, damit ihre Blätter mehr gelesen werden; drittens, daß alle Freiwilligen entweder verlorene und betrunkene Menschen oder einfach Dummköpfe gewesen wären; viertens, daß dieser ganze sogenannte Aufschwung des russischen Nationalgefühls für die Balkanslawen nicht nur von gewissen Personen gefälscht und von käuflichen Journalisten unterstützt worden sei, sondern auch im Widerspruch zu den sozusagen elementaren Anlagen des Volkes stehe ... Und schließlich fünftens, daß alle diese barbarischen, unerhörten Türkengreuel, die an den Balkanslawen verübt worden sind, in uns Russen keinerlei unmittelbares Gefühl des Mitleid zu wecken vermögen, und daß «ein solches unmittelbares Gefühl für die bedrängten Balkanslawen gar nicht vorhan­den ist und auch gar nicht vorhanden sein kann». [...] Übrigens möchte ich noch bemerken, daß ich diesen Lewin durchaus nicht mit der Person des Autors identi­fiziere, obschon der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja, sie ihm oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des gezeichneten Charak­ters. Ich sage das aus einer gewissen bitteren Verwunderung, denn wenn auch sehr vieles von dem, was der Autor Lewin sagen läßt, offensichtlich nur die Ansichten Lewins sind, des erdichteten Menschen, des künstlerisch dargestellten Charakters, so kann ich doch nicht leugnen, daß ich von einem solchen Autor etwas ganz Anderes erwartet hätte!

II Geständnisse eines Slawophilen

[...] Vielleicht drücke ich mich gar zu naiv aus, aber ich entschließe mich doch, folgendes auszusprechen: Die Tatsache dieses Eindrucks, den die Hervorbringung eines solchen geistigen Werkes, einer solchen Dichtung zweifellos macht, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der gewaltigen Tatsache der Kriegserklärung zusammen, und in meinem Geist sah ich diese beiden Tatsachen sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschen­den bedeutungsvollen Zusammenhang. Statt über mich nun zu lachen, hören Sie mich lieber erst an.

Ich habe in vieler Hinsicht rein slawophile Überzeugun­gen, obschon ich vielleicht nicht vollends Slawophile bin. Der Slawophilismus wird noch immer sehr verschieden aufgefaßt. Für viele bedeutet er auch heute noch – wie in alten Zeiten zum Beispiel für Belinskij – nur Dünnbier und Rettich, die primitivsten Nahrungsmittel. Belinskij hat es mit seiner Auffassung vom Slawophilismus tatsächlich nie weiter gebracht. Für andere (und zwar, nebenbei bemerkt, für sehr viele, wenn nicht gar für die Mehrzahl der Slawophilen selbst) bedeutet der Slawophilismus das Streben nach der Befreiung und Vereinigung aller Slawen unter der obersten Führung Rußlands – einer Führung, die sogar nicht einmal streng politisch zu sein braucht. Und für die dritten schließlich bedeutet der Slawophilismus, außer der Vereini­gung aller Slawen unter der Führung Rußlands, auch noch den geistigen Zusammenschluß aller derjenigen, die daran glauben, daß unser großes Rußland an der Spitze der ver­einten Slawen der ganzen Welt, der ganzen europäischen Menschheit und ihrer Zivilisation sein neues, gesundes und von der Welt noch ungehörtes Wort sagen wird. Dieses Wort wird zum Heil und zur bereits wahrhaften Vereinigung der ganzen Menschheit verkündet werden, zu einer Vereinigung in einem neuen brüderlichen, universalen Bund, dessen Grundlagen im Genius der Slawen, hauptsächlich aber im Geiste des großen russischen Volkes liegen, das so viel durch­gemacht hat und so viele Jahrhunderte zum Schweigen ver­urteilt gewesen ist, das aber von jeher große Kräfte für die künftige Klärung und Lösung vieler bitterer und verhängnis­voller Mißverständnisse der westeuropäischen Zivilisation in sich trägt. Zu eben dieser Gruppe Überzeugter und Gläu­biger gehöre auch ich. Es hat keinen Sinn, hierüber zu spotten und zu lachen: diese Worte sind alt, dieser Glaube ist uralt, und schon das allein, daß dieser Glaube nicht stirbt und diese Worte nicht verstummen, sondern, im Gegenteil, immer mehr erstarken, ihren Wirkungskreis erweitern und neue Adepten, neue überzeugte Verfechter finden, schon das allein könnte doch schließlich die Gegner und Verhöhner dieser Lehre veranlassen, sie ein wenig ernsthafter zu betrachten [...]. Die Sache ist nun die, daß in diesem Frühjahr unser gro­ßer Krieg um einer großen Tat willen begonnen wurde, und diese Tat wird früher oder später, ungeachtet aller zeitwei­ligen Mißerfolge, die die Entscheidung der Sache nur hin­ausschieben, dennoch zu Ende geführt werden, auch wenn das ersehnte Ziel im gegenwärtigen Kriege noch nicht voll erreicht werden sollte. Diese begonnene Tat ist so groß, das Ziel des Krieges ist für Europa so unwahrscheinlich, so un­glaubhaft, daß Europa sich natürlich entrüstete über unsere vermeintliche Hinterlist, nichts davon glauben konnte, was wir ihm, als wir den Krieg begannen, erklärt hatten, und daß es uns mit allen Mitteln zu schaden suchen und im Bund mit unserem Feind — wenn auch nicht in formellem politi­schen Bündnis, so doch heimlich — gegen uns kämpfen mußte, in Erwartung einer regelrechten Kriegserklärung. Und das alles selbstverständlich infolge unserer von uns offen mitge­teilten Absichten und Kriegsziele. «Der große östliche Adler hat sich über der Welt erhoben, mit zwei strahlenden Flü­geln über den Gipfeln der Christenheit», wie es in einer alten Weissagung heißt. Er will nicht besiegen, nicht erwerben, nicht seine Grenzen erweitern, sondern will die Unterdrück­ten und Verfolgten befreien und aufrichten und ihnen ein neues Leben zu ihrem Gedeihen und zum Gedeihen der Menschheit ermöglichen. Wie immer man dazu stehen, mit wie skeptischem Blick man die Sache auch betrachten mag, im Grunde ist das Ziel des Krieges doch nur dieses, eben dieses, und gerade das ist es, was Europa nicht glauben will! Und man glaube mir, dabei erschrickt es weniger vor der möglichen Erstarkung Rußlands als gerade davor, daß Rußland imstande ist, an solche Aufgaben und Ziele zu denken. Das merke man sich besonders. Etwas zu unter­nehmen nicht wegen eines direkten materiellen Vorteils für sich selbst, erscheint Europa dermaßen ungewohnt, dermaßen außerhalb der internationalen Gepflogenheiten, daß das Vorgehen Rußlands von Europa naturgemäß nicht nur als Barbarei einer «zurückgebliebenen, tierischen und ungebil­deten Nation» aufgefaßt wird, die allein einer solchen Ge­meinheit und Dummheit fähig ist, noch in unserer Zeit etwas von der Art der früher im finsteren Mittelalter vorgekommenen Kreuzzüge zu unternehmen, sondern auch noch als eine geradezu unmoralische Tatsache, die für Europa gefähr­lich sei und angeblich seine große Zivilisation bedrohe. Man schaue sich doch um: wer liebt uns jetzt in Europa? Selbst unsere Freunde, unsere anerkannten, sozusagen offiziellen Freunde, selbst diese erklären unverblümt, daß sie sich über unsere Mißerfolge freuen. Eine Niederlage der Russen ist ihnen lieber als ihre eigenen Siege; sie freut sie, sie schmei­chelt ihnen. Sollte es jedoch zu Erfolgen für uns kommen, so haben diese unsere Freunde schon längst unter sich be­schlossen, alle ihre Kräfte einzusetzen, um aus den Erfolgen Rußlands noch größere Vorteile für sich herauszuschlagen, als Rußland sie für sich selbst wird gewinnen können ... Aber auch davon später. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle, die an die große Zukunft und universale Bedeutung Rußlands glauben, in diesem Früh­jahr empfinden mußten, nach der Kriegserklärung Rußlands an die Türkei. Dieser unerhörte Krieg für die Schwachen und Unterdrückten, um ihnen Leben und Freiheit zu ermöglichen, und nicht, um sie ihnen zu nehmen, dieses jetzt in der Welt schon lange nicht mehr vernommene Kriegsziel, mußte für alle unsere Gläubigen als eine Tatsache erscheinen, die plötz­lich feierlich und bedeutungsvoll ihren Glauben bestätigte. Das war nun kein vager Traum mehr, keine bloße Ver­mutung, sondern es war Wirklichkeit, die sich zu beweisen begann. «Wenn es sich aber schon einmal zu verwirklichen begonnen hat, dann wird es sich auch vollenden, bis jenes große neue Wort vernehmbar wird, das Rußland an der Spitze der verbündeten Slawen Europa zu sagen hat. Und sogar dieses Wort selbst beginnt sich schon anzukündigen, obschon Europa noch weit davon entfernt ist, es zu verstehen, und noch lange ihm nicht glauben wird.» So dachten damals die Gläubigen. [...] Ja, wir Gläubigen glauben daran, was aber wird uns vorerst hier bei uns von unseren eigenen Landsleuten gesagt? Sie sagen uns, das seien doch nur wahnwitzige Illusionen, hysterische Wunschträume, Anfälle von Fanatismus und irrsinnige Krämpfe, und sie fordern von uns Beweise, präzise Angaben und schon verwirklichte Tatsachen als Beispiele. Worauf aber können wir denn jetzt schon als Begründungen unserer Prophezeiungen hinweisen? Auf die Befreiung der Leibeigenen etwa – eine Tatsache, die doch selbst hier bei uns noch so wenig als ungeheurer Beweis russischer Geisteskraft verstanden wird? [...]»
(Dostojewski 1963, S. 383-390).

Thesen aus den Quellen
  1. Es gibt eine Trennung zwischen Intelligenz und Volk; die Intelligenz strebt danach, zum Volk zu gehören, denn es vereinigt die besten ursprünglichsten Eigenschaften (Golczewski 1998 nennt dieses Bemühen ein populistisches und tragisches «Ins-Volk-Gehen» der russischen Intellektuellen, S. 37). Es ist von der Geschichte bestimmt, Europa zu erneuern, das in einen dekadenten Materialismus versunken ist. Den Türkischen Krieg versteht Dostojewski als ersten politischen Schritt und Anna Karenina als erstes neues Wort in diese Richtung.
  2. Dostojewski unterscheidet drei Arten von «Slawophilismus»: die Ablehnung der petrinischen Reformen («Dünnbier und Rettich»), den Panslawismus, der die Vereinigung aller Slawen unter russischer Führung anstrebt, und den slawischen Universalismus, der alle Slawen zur geistigen Führung über die Welt vereinen will. Er bekennt sich selbst zur letzten Ideologie.
  3. Den Krieg legitimiert Dostojewski mit der Befreiung der «Schwachen und Unterdrückten», ähnlich dem Legitimismus des Zarregimes. Tolstoi (bzw. Lewin) dagegen sieht keine Rechtfertigung im Krieg, auch wenn er zu «allgemeinen Zwecken» geführt wird.
  4. Dostojewski bejaht die Reformen unter Alexander II. als Akt der Barmherzigkeit.
  5. Tolstoi steht für eine Slawophilie der Innerlichkeit, während Dostojewski aus der Slawophilie eine panslawistische Aktion ableitet.
Zur These 5

Wenn im folgenden von «Autoren» oder «Schriftstellern» die Rede ist, namentlich von Tolstoi und Dostojewski, die aus ihren Werken «sprechen», so ist mit diesen Worten dies gemeint:

Spätestens seit Hayden White und dem Linguistic Turn ist es ein Gemeinplatz (oder sollte es sein!), dass die Geschichtsschreibung eine sprachliche Konstruktion ist, die der Historiker in zwei voneinander untrennbaren inneren Vorgängen herstellt: im poetischen Akt wird das historische Feld begrifflich gefasst und im sprachlichen Akt sprachlich dargestellt (White, Metahistory, S. 11ff). Ein «Autor» ist eine Möglichkeit, sich sprachlich zu inszenieren wie «Politiker» eine andere ist. Wie bei einem politischen Text gehen wir bei einem literarischen davon aus, dass ihn ein aussertextuelles Ich nach eigenen Vorstellungen und mit eigenen Absichten geschaffen hat. (Hier widerspreche ich der These Petersens, wonach fiktionale Texte sich durch eine Entpragmatisierung von den nichtfiktionalen unterscheiden, vgl. Petersen, Erzählsysteme, S.9.) Gerade bei so gesellschaftlich aktiven Schriftstellern und tiefgründigen Denkern wie Tolstoi und Dostojewski ist es eine interessante Aufgabe, ihre Werke nach bestimmten – ich wähle bewusst dieses vage Wort – Tendenzen der Weltanschauung und Absichten der Textübermittlung hin zu lesen. Wenn im folgenden also die heiklen und umstrittenen Worte stehen sollten: «Tolstoi meint», «Dostojewski sagt», so ist damit die sprachlich inszenierte Absicht und Werthaltung gemeint, die an dieser Stelle übertragen wird.

Obwohl beide der gleichen Generation angehörten, beide der realistischen Weltanschauung verpflichtet waren und dabei einer sehr gründlich reflektierten Religiosität huldigten, sind eine Menge Abhandlungen darüber geschrieben worden, wie sehr sich die zwei grossen Schriftsteller im Sprachduktus und in ihrer Geisteshaltung voneinander unterscheiden. Michail Bachtin hat das berühmte Wort geprägt, wonach Tolstois Werke monologisch aufgebaut seien, ganz in der Tradition der westlichen Literatur, Dostojewski aber die Form des dialogischen Romans neu entwickelt habe (Bachtin, Probleme der Poetik Dostoevskijs, vor allem Kapitel I und V). Dialogisch meint, dass die Figuren nicht biographisch, sondern nach einer Idee hin konzipiert wurden. Die Figuren sind Vertreter einzelner Ideen, die im Dialog zueinander stehen, und nicht wie im monologischen Roman einer gemeinsamen Grundideologie unterstehen. Die grundsätzliche Verschiedenheit ist für jeden Leser spürbar, wobei ich der Meinung bin, dass darüber die Gemeinsamkeiten nicht vergessen gehen sollten. Gerade in Tolstois Krieg und Frieden ist ein poetisches Verfahren immanent, das für Dostojewskis Romane konstitutiv ist: Die Tendenz, aus einer einzigen, in sich widersprüchlichen Figur zwei Figuren unterschiedlichen Charakters, aber nicht zwingend unterschiedlicher Weltanschauung wie bei Dostojewski, zu schaffen. So ergibt sich beispielsweise das Figurenpaar Andrej-Pierre genau wie Iwan-Aljoscha, Raskolnikow-Rasumichin, Rogoshin-Myschkin und wie sie alle heissen. Nur bestimmt bei Tolstoi der Charakter die Figur, bei Dostojewski die Idee.

Ob der Roman nun dialogisch oder monologisch konzipiert ist, bei beiden ist eine Weltanschauung greifbar, der mehr Sympathie entgegengebracht wird als den anderen und die wir deshalb ganz unerschrocken mit dem Namen Tolstois oder Dostojewskis verbinden dürfen. Auch wer wie viele Leser faszinierter ist von der abgründigen Zerrissenheit und Intelligenz Iwan Karamasows, wird bemerken, dass die Sympathie und das Schwergewicht der Brüder Karamasow im Hinblick auf die Gesamtausrichtung bei Aljoscha Karamasow liegen.

Meine These, die ich aus zwei kurzen Textbeispielen von Dostojewskis Tagebuch eines Schriftstellers und Tolstois Anna Karenina abgeleitet habe, besagt, dass Tolstoi für eine Slawophilie der Innerlichkeit stehe, während Dostojewski aus der Slawophilie eine panslawistische Aktion ableite. In dieser These baue ich zwei Beziehungen auf: eine Gleichheit und einen Gegensatz. Beide Schriftsteller, sage ich, seien slawophil, Tolstoi aber auf eine Weise slawophil, die daraus nur eine anthropologische, nicht aber wie Dostojewski eine politische (panslawistische) Schlussfolgerung zieht.

Slawophile Tendenzen bei beiden Autoren sind immer dann festzumachen, wenn sich der Text um das Wort «Volk» (narod) dreht, auf das sich die Slawophilen beriefen: Das Volk als Gegensatz zur Intelligenz meint die bäuerliche Gesellschaft und ihr kulturelles Leben in den Dörfern, die als «russisch» empfunden wurden im Gegensatz zur europäisierten Kultur des Adels seit Peter dem Grossen. Die Begriffe «Volk» und «russisch» sind Kollokationen, die bei Dostojewski und Tolstoi gleichermassen zu finden sind.

Dostojewski hat in seiner Besprechung von Anna Karenina sehr schön geschrieben, wie die Sympathie des Autors bei dem Protagonisten Lewin liegt (Dostojewski, Tagebuch eines Schriftstellers, S. 383-385). Im achten Kapitel von Anna Karenina zieht sich ebendieser Lewin dahin zurück, was Dostojewski «Isolierung» nennt, und zwar – nach Dostojewski – in eine Isolierung vom «Volk». Der Roman selber stellt diese Isolierung aber genau umgekehrt als Rückzug dar von den Salons der Intelligenzija zurück ins Volk. Während Sergej Iwanowitsch, Lewins Bruder und ein Propagandist des Panslawismus, seine Zeit «in Salons, auf Kongressen, in Versammlungen und Komitees» (Tolstoi, Anna Karenina II, S. 395) verbringt und das gemeinsame elterliche Gut kaum besucht, steht über Lewin, dass er «den größten Teil seines Lebens auf dem Lande in engster Gemeinschaft mit dem einfachen Volk zugebracht hatte» (ebd., S. 421). Er beteiligt sich an der bäuerlichen Arbeit, unterhält sich mit dem einfachen Volk und geht auf seine Sorgen ein und sagt von sich, er sei auch «Volk» (ebd., S. 437). Seiner Aussage, er könne im Volk eine panslawische Sympathie, die außerdem auf Mord gerichtet sei, nicht erkennen, bekommt durch seine Volksnähe innerhalb des Romans grösstes Gewicht: «Er konnte es nicht billigen, daß ein Dutzend Leute, zu denen auch sein Bruder gehörte, sich das Recht anmaßten, auf Grund dessen, was ihnen ein paar hundert in die Residenzen gekommene renommistische Freiwillige vorschwatzten, zusammen mit ihren Zeitungen als Wortführer des Volkswillens aufzutreten, besonders wenn dieser angebliche Volkswille auf Rache und Mord gerichtet war» (ebd., S. 442). «Das Volk», sagt er, «bringt Opfer, es ist dazu um seines Seelenheils willen bereit; aber ist nicht bereit, zu morden» (ebd., S. 443). Tolstoi stimmt der slawophilen Grundlage des Panslawismus zu, bei ihm steht das «Volk» genauso für die Stereotypen der mitleidenden, friedliebenden, religiösen, einfachen, kunstverständigen russischen Seele, die Herder vorgeprägt hat, er zieht aber daraus andere Schlüsse: diese Seele kann
  1. niemals mit den vermeintlichen slawischen Brüdern mitleiden, weil sie dem Volk unbekannt sind und
  2. kann sie ihr Mitleiden niemals auf Krieg, d.h. auf Rache und Mord richten.
Lewin, der damit Tolstois Ideal vorlebt, zieht sich in die Innerlichkeit zurück, indem er sein Leben auf die elementarsten sozialen Funktionen konzentriert: auf seine Familie und auf den Umgang mit den Bauern, denen er wie kein anderer beratend zur Seite steht. In diesem Rahmen sieht Tolstoi die gutmeinende Kraft der russischen Seele verwirklicht. Das ist Slawophilie, aber kein Panslawismus, der aus der Ideologie immer eine politische Schlussfolgerung zieht. Ein Verfechter solcher panslawistischer Aktion ist Dostojewski.

In seinem Tagebuch eines Schriftstellers, einer Art Journal, das er ca. vier Jahre lang unregelmässig herausgab, schreibt Dostojewski, dass für ihn im Jahr 1877 zwei bedeutende Ereignisse zusammenfielen: die Kriegserklärung Russlands gegen das osmanische Reich und das Erscheinen der ersten sieben Teile von Anna Karenina. Beide Ereignisse, schreibt er, hätten ihn in seinem Vertrauen gestärkt, dass Russland sich langsam erhebt und sein neues Wort spricht. Der Krieg wurde ohne einen direkten materiellen Vorteil und nur aus dem Bedürfnis heraus geführt, den «Schwachen und Unterdrückten» (Dostojewski, Tagebuch eines Schriftstellers, S. 389) zu helfen – ein Kriegsgrund, das im materialistischen, auf Eigennutz bedachten Europa nur auf Unverständnis stossen konnte. Gleichzeitig mit dem Krieg erschien Anna Karenina, eine ungeheure geistige Leistung, die in Europa ihresgleichen sucht. Für ihn war Tolstois Werk bis zu seinem achten Teil untrennbar mit dem Gedanken des Panslawismus verbunden, was umso wichtiger war, als sein Expansionismus, wie ich ihn im Handout dargestellt habe, nicht unbedingt streng politischer, sondern mehr kultureller und geistiger Natur war. Anna Karenina, ein Werk von Weltrang, hätte einen ersten Schritt in diese Richtung bedeutet.

Umso bitterer musste es für ihn sein, dass sich der Autor im Schlussteil gegen die Gedanken wendet, die Dostojewski eigens mit Tolstoi verbunden hatte. Aus Enttäuschung spricht Dostojewski Lewin jede Verbundenheit mit dem Volk ab, er sei und bleibe «ein Moskauer Landedelmann jener selben mittelhöheren Adelskreise, deren Historiker Graf L. Tolstoi vornehmlich ist. [...] Ich will hier nur erwähnen, daß gerade diese Herren, wie etwa Lewin, niemals vollkommen ‹Volk› werden können, gleichviel wie lange sie unter dem Volk oder neben dem Volk leben, ja – in vieler Hinsicht werden sie es sogar überhaupt nicht verstehen und nie verstehen lernen. Selbstüberhebung und bloßer Wunsch [...] genügen nicht, einen Menschen nun gleich zu dem zu machen, was er plötzlich sein will» (ebd., S. 406). Wenn Lewin keinen Draht zum Volk besitzt, dann schätzt er es auch in der Slawenfrage falsch ein.

Aufgrund ihres dialogischen Charakters geht Dostojewskis panslawistisches Gedankengut niemals so klar aus seinen Werken hervor wie aus dem Tagebuch eines Schriftstellers. Eine Grundideologie, von der ich vorhin gesprochen habe, ist in diese Richtung am ehesten noch in den Brüdern Karamasow auszumachen, seinem vielleicht ideologischsten Roman. Darin wird der Gedanke einer östlichen Heiligkeit aufgebaut, die ganz eindeutig im Gegensatz zum europäischen Katholizismus gesehen werden muss (vgl. darin die Aufzeichnungen des Starez Sosima und Iwans Erzählung Der Großinquisitor).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Beide Schriftsteller kehren sich hin zum Volk als Quelle des Heils und der Erlösung. Tolstoi bleibt beim russischen Volk, während Dostojewski seine Bedeutung weiter zieht auf das ganze Erdenvolk, dessen verschiedenste Anlagen im russischen Volk vorgeprägt seien. In den Bemerkungen zu Anna Karenina und dann nochmals in seiner berühmten Puschkin-Rede, stellt Dostojewski heraus, dass Puschkin als erster die Universalität Russlands, «sein Echo auf alles, was in der Welt erklingt» (ebd., S. 394), entdeckt und vorgelebt hat: In seinen Dichtungen habe er gezeigt, dass er «nicht nur wie ein Mensch der Antike zu empfinden [vermag], oder wie ein Germane, ein Engländer [...], er ist auch ein Dichter des Orients» (ebd., S. 394-395). Ein Volk, das alle Wesensmerkmale der Menschheit in sich vereint und das alles versteht, wird den Völkern der Erde eine vereinigende Kraft und ein leuchtendes Beispiel sein.

Literatur

Carter, Stephen K.: Russischer Nationalismus. Von Dostojewski über Solschenizyn zu Schirinowski?, Berg 1995.

Dostojewski, Fjodor M.: Tagebuch eines Schriftstellers. Notierte Gedanken, aus dem Russischen von E. K. Rahsin, München 1963.

Golczewski, Frank/ Pickhan, Gertrud: Russischer Nationalismus. Die russische Idee im 19. und 20. Jahrhundert. Darstellung und Texte, Göttingen 1998.

Goehrke, Carsten/ Hellman, Manfred u.a. (Hrsg.): Rußland, Frankfurt 1972 (= Fischer Weltgeschichte 31).

Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Berlin und Weimar 1965.

Petersen, Jürgen H.: Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte. Stuttgart und Weimar 1993.

Snyder, Louis L.: Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements, Westport 1984.

Tolstoi, Anna Karenina II, aus dem Russischen von Fred Ottow, Genf 1967.

White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt/M. 1991.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Super erklärt, was der Panslawismus ist! Auch seriöse Quellen sind angegeben, der Artikel ist 1a

Klaus hat gesagt…

Interessant wäre eine Reflektion auf die gegenwärtige Situation Russland unter diesen Gesichtspunkten.