Sonntag, 22. Februar 2009

Skorbut und die Ernährung der Matrosen zur Zeit der Entdeckungsfahrten

Eine tödliche Mangelkrankheit

Zwieback, gepökeltes Fleisch und Sardinen können tödlich sein, vorausgesetzt sie sind die einzigen Nahrungsträger. Millionen von Seemännern fielen zur Zeit der grossen Entdeckungsfahrten einer unheimlichen Krankheit zum Opfer, bis Beschreibungen ihrer Heilung eine Wende in der Medizin einleiteten: Skorbut.

Was trieb die Matrosen der Frühen Neuzeit in die unbestimmte, aber sichere Gefahr? Ein verzweifeltes Leben, die Gier nach Gold und die Lust auf Abenteuer? Es müssen auf jeden Fall starke Gründe gewesen sein, denn das Leben auf den Schiffen war hart, auch im Vergleich mit den Bedingungen damals an Land. Das Wohl der Seefahrer hing von mehreren Faktoren ab: einerseits von dem Geld, das die Königreiche, die Stifter der Flotte, zur Verfügung stellten, andererseits von den Wetterverhältnissen und der Dauer ohne Landkontakt.

Ein Feuer für hundert Mann

Auf Columbus’ erster Reise stellte die spanische Krone zwölf Maradevi für das tägliche Essen eines Matrosen zur Verfügung; das entsprach ungefähr dem Preis von vier Kilogramm Weizen. Entsprechend freudlos gestaltete sich das Mahl: Allgegenwärtig war getrocknetes Brot in der Form von Biskuit und Schiffszwieback, das noch an Land aus Weizenmehl gebacken und im trockensten Teil des Schiffes verstaut worden war. Auf langen Fahrten wurde es trotzdem immer madig und schimmlig. Von der vierten Reise seines Vaters berichtet Ferdinand Columbus, wie das Biskuit in der Hitze und Feuchtigkeit so wurmstichig wurde, dass viele Matrosen auf die Dunkelheit warteten, um daraus einen Brei zu fertigen, weil sie die Maden nicht mehr sehen konnten. Erleichterung schafften die Vorräte aus salzigem Mehl, das man mit Wasser zu Rollen knetete und in den Aschen des Feuers buk.

Ansonsten musste man für die erste Wache vielleicht mit einer Knoblauchzehe vorlieb nehmen, mit ein wenig hartem Käse und einer eingelegten Sardine – auf jeden Fall mit dem, was ausgeteilt wurde, denn die Vorräte waren streng rationiert.

Das einzige warme Mahl wurde zur Mittagszeit eingenommen. Teilweise geschützt auf dem Vorderdeck über mehreren Schichten von Erde oder Sand war eine Feuerbüchse angelegt, in der die Schiffsjungen grosse Töpfe mit gepökeltem Fleisch oder gepökeltem Fisch und Linsen oder Bohnen in Olivenöl brieten. Jeder Matrose erhielt seinen Anteil in einer Holzschüssel, woraus er mit den Fingern und seinem Messer ass, das er immer bei sich trug und für die verschiedensten Zwecke verwendete. Die Schiffsleitung unterhielt vermutlich eine eigene kleine Feuerstelle, auf der ihre Diener kochten, aber wie die teils über hundert Seemänner auf einem kleinen Schiff wie der Niña 1496 mit einer einzigen Feuerstelle bedient werden konnten, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Köche, die sich eigens um das Essen und die Vorräte kümmerten, sind erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bezeugt.

Abends, bevor sich der Seemann irgendwo niederlegte, wenn er nicht die unbeliebte Wache von elf bis drei Uhr nachts halten musste, spülte er das übliche Schiffsgebäck mit Wein herunter, oder wenn der Wein ausgegangen war, mit Wasser. Die Seemänner des Südens tranken im Gegensatz zu ihren nördlichen Nachbarn kein Bier, das in der Wärme bald sauer wurde.

So sah der Speiseplan auf Columbus’ Schiffen aus. Wir haben keine Hinweise, dass er sich bis 1600 auf den anderen Schiffen in seiner Art wesentlich unterschieden hätte. Erst als die Kartoffel, ein Segen der Neuen Welt, und Kaffee und Tee aus Indien Einzug hielten, als der sonnengetrocknete Kabeljau aus Neufundland den gepökelten Hering ersetzte, wurde das Essen an Bord etwas reichhaltiger.

Dieses Essen war dürftig, aber seine Dürftigkeit war nicht das Problem. Der amerikanische Historiker und Admiral Samuel Eliot Morison führt aus, dass die Matrosen damit nicht schlechter fuhren als Bauern oder Arbeiter an Land, es sei denn ein Unwetter verhinderte den Unterhalt eines Feuers. Die wirklichen Probleme lagen dagegen in der ständigen Gefahr der Verknappung auf langen Fahrten und in einer unheimlichen, tödlichen Bedrohung, die von der einseitigen Ernährung ausging: der Mangelkrankheit Skorbut.

Columbus verlor keinen einzigen Mann auf einem Schiff, weder durch Hunger noch durch Krankheit, aber er stellte damit die einzigartige Ausnahme. Sie kann nur mit der geringen Dauer seiner Fahrten erklärt werden. Auf seinen ersten drei Reisen überquerte er den Atlantik von den Kanarischen Inseln in dreissig bis vierzig Tagen, auf seiner vierten brauchte er dazu nur noch drei Wochen – zu wenig lang, um Mangelsymptome zu entwickeln. Hungersnöte und Mangelkrankheiten waren dafür die unvermeidlichen Begleiter auf jeder Fahrt in die südliche Hemisphäre und besonders in den Pazifischen Ozean.

Schon Bartolomeu Diaz’ Mannschaft, die als erste das Kap der Guten Hoffnung umrundete, musste alles erdulden, was die nachfolgenden Entdeckungsfahrten prägte: Um die Weihnachtszeit 1487 erreichten sie Angra Pequena im heutigen Namibia und liessen ihr Proviantschiff mit einer kleinen Besatzung zurück. Fast ein halbes Jahr fuhren sie darauf weiter an der Küste Afrikas entlang bis in den Indischen Ozean, obwohl die Mannschaft bald erschöpft war und auf die Rückkehr drängte. Die Männer zeig­ten Symp­tome, die später auch Vasco da Gamas Chronist beschrieb: „Viele unserer Leute wurden hier krank; Füße und Hände schwollen an, und der Gaumen wuchs ihnen über die Zähne, so daß sie nichts mehr essen konnten.“

Die Nachricht von geschwollenen Händen, Füßen und Gaumen bleibt in der Folge eine Konstante in den Berichten der Seefahrten bis 1700, die den kritischen Zeitraum von zehn aufeinander folgenden Wochen auf hoher See überschritten. Man schätzt, dass zwischen 1500 bis 1700 etwa zwei Millionen Matrosen an Skorbut starben. Das hat drei wesentliche Gründe: die Notwendigkeit, sich einseitig von gut haltbaren oder verarbeiteten Nahrungsmitteln zu ernähren, ein mangelndes Verständnis und eine irrtümliche Auffassung von der Krankheit sowie die mangelnde Vernetzung von Information.

Hunger nach Obst

Die Zeit der Entdeckungsfahrten kannte nur wenige, traditionelle Methoden, um Esswaren über längere Zeit haltbar zu machen, hauptsächlich die Entziehung von Flüssigkeit durch Hitze oder Salz. Der Weizen wurde in mehreren Verarbeitungsprozessen zu ausgesprochen trockenem Schiffszwieback verarbeitet, und Fisch und Fleisch konnte in Salz entweder eingelegt oder gepökelt werden. Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen wurden trocken gelagert. Dazu kam die Verarbeitung von Milch zu Käse und die Pressung und Gärung von Trauben zu Wein.

Vom Energiegehalt her mochte eine Seemannsdiät, die aus diesen Produkten bestand, durchaus genügen, was aber praktisch fehlte, waren die Vitamine A und vor allem C, das Ascorbin. Die Matrosen müssen ein instinktives Verlangen nach frischen Früchten in sich verspürt haben, in denen diese Vitamine angereichert sind. Schon der Chronist von Vasco da Gama erzählt, dass die Orangen, die an Bord getragen wurden, «von den Kranken sehr begehrt wurden». Eugenio Salazar, ein spanischer Beamter, der 1573 nach Santo Domingo fuhr, berichtet, wie die Matrosen während dem Essen nur darüber sprachen, was sie nicht haben konnten: weisse Trauben aus Guadalajara, Karotten aus Somo Sierra, Himbeeren aus Ilesca.

Das zeitgenössische medizinische Verständnis schenkte diesem Verlangen wenig Beachtung, denn das Konzept der Mangelkrankheit entstand erst im 19. Jahrhundert. Die Skorbutsymptome schrieben die Kapitäne abwechselnd positiv vorhandenen Ursachen wie schlechten Wind- und Wetterverhältnissen, verdorbener Nahrung und schlechtem Wasser, sogar der Ansteckung durch die Eingeborenen zu. Die Miasmen- und Kontagientheorien, die ihren Ursprung im Mittelalter und der Antike haben, hielten sich bis ins 18. Jahrhundert. Sie suchten die Ursache von Krankheiten in der verunreinigten Luft bzw. der ansteckenden Verbreitung durch die Menschen.

Auf den Schiffen herrschte deshalb ein peinlicher Wille zur Sauberkeit. Häufiges Schrubben und Desinfizieren des Schiffes mit Essig war Pflicht, und die Hygiene jener Zeit schrieb von Kopf bis Fuss eine wollene Kleidung vor, die selten ausgezogen wurde.

Vergessenes Wissen

Das erstaunlich Tragische an der Geschichte des Skorbuts ist aber, dass trotz dieser irrtümlichen Auffassung von der Krankheit ihre Heilung immer wieder beschrieben, aber immer wieder vergessen wurde.

Schon früh erkannten portugiesische Seefahrer Orangen und Zitronen als wirksames Heilmittel, dieses Wissen ging aber vergessen. Ab 1600 verabreichten einzelne Seeleute der englischen Marine den Kranken erfolgreich Zitronensaft. Die East India Company erkannte sogar die prophylaktische Wirkung des Safts, dieses Wissen wurde aber nicht nach aussen getragen. Eine mangelnde Vernetzung von Information machte es zum Beispiel auch möglich, dass der spanische Missionar Antonio de la Ascensión den Skorbut 1602 für ein lokales Phänomen hielt, das er den kalten Winden zwischen den Philippinen und Mexiko zuschrieb – nach einem Jahrhundert fortwährender Erfahrung der Krankheit auf hoher See. Seine Beschreibung der Heilung durch den Saft einer kleinen Frucht ging vergessen. 1534 schilderte der französische Kapitän Jacques Cartier die Heilung durch den Saft eines Baumes, aber schon sieben Jahre später auf einer Nachfolgeexpedition war dieses Wissen vergessen. Noch nachdem der englische Marinearzt James Lind Mitte des 18. Jahrhunderts die Wirksamkeit von Zitronen und Orangen vor allen anderen Arzneimitteln wissenschaftlich nachgewiesen hatte, sollte es mehrere Jahrzehnte dauern, bis der Zitronensaft als Skorbutprophylaktikum allgemein in die europäische Marine eingeführt wurde.

Lebenswichtige Vitamine

Die Institutionalisierung, Standardisierung und Verbreitung des Wissens, die seit der Aufklärung so stark vorangetrieben werden, haben die Gefahr sehr verringert, dass sich diese traurige Geschichte des Vergessens wiederholt.

Skorbut und andere Mangelkrankheiten erweiterten entscheidend unser Wissen von der Ernährung. Die Idee, dass Krankheit auch aus einem Mangel heraus entstand, brachte ein neues Paradigma in der Medizin und führte Anfang des 20. Jahrhunderts zur Isolierung lebenswichtiger, bis anhin unbekannter Substanzen, die man „Vitamine“ nannte. Heute ist die Behandlung von Skorbut dankbar, denn eine tägliche Zufuhr von zweihundert bis tausend Milligramm Vitamin C bessert den Zustand des Patienten innerhalb weniger Tage. Die Krankheit tritt noch in den ärmeren Teilen der Welt sporadisch auf als Folge allgemeiner Unterernährung.

Erstmals erschienen in etü 1/2009.

Literatur

Bedini, Silvio A.: The Christopher Columbus encyclopedia, New York 1992.

Carpenter, Kenneth J.: The History of Scurvy and Vitamin C, Cambridge 1986.

Cuppage, Francis E.: James Cook and the Conquest of Scurvy, Westport 1994.

Fury, Cheryl A.: Tides in the Affairs of Men. The Social History of Elizabethan Seamen, 1580-1603, Westport 2002.

Hughes, R. E.: Vitamin C, in: Kiple, Kenneth F. et al. (Hrsg.): World History of Food I, Cambridge 2001, S. 754-763.

Hughes, R. E.: Scurvy, in: Kiple, Kenneth F. et al. (Hrsg.): World History of Food I, Cambridge 2001, S. 988-999.

Love, Ronald S.: Maritime Exploration in the Age of Discovery, 1415-1800, Westport 2006.

Morison, Samuel Eliot: The European Discovery of America, Bd. 1: The Northern Voyages. A.D. 500-1600, New York 1971 und Bd. 2: The Southern Voyages. 1492-1616, New York 1974.

Müller, Irmgard: Geißel der Seefahrt. Über Skorbut und Zitrusfrüchte, in: Schiff und Zeit 3, Herford 1976, S. 33-42.

Porter, Roy: Die Kunst des Heilens: eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute, aus dem Engl. übers. von Jorunn Wissmann, Heidelberg 2003.

Watt, J./ Freeman E. J./ Bynum, W. F. (Hrsg.): Starving Sailors. The Influence of Nutrition upon Naval and Maritime History, London 1981.

Dienstag, 3. Februar 2009

Die Bewegung des Panslawismus in Osteuropa und Russland

Begrifflicher Umriss

Der Panslawismus ist nach Snyder (1984) die älteste und bekannteste Pan-Bewegung (pan < gr. ‹all›). Panbewegungen sind makronationalistische Strömungen, die eine übernationale Vereinigung bestimmter Völker anstreben. Charakteristiken der Pan-Bewegungen:
  1. Das Gefühl der Einzigartigkeit und Überlegenheit der Völker, deren Einheit aufgrund kultureller, religiöser, historischer oder geographischer Nähe angestrebt wird.
  2. Die Vorliebe für den bewaffneten Kampf, die militante Aggression (nach Snyder 1984, S. 5-6).
Aus dieser allgemeinen Definition lässt sich die Bedeutung von «Panslawismus» ableiten: Die panslawistische Bewegung strebte aufgrund einer angenommenen Überlegenheit (bzw. auch nur eines Differenzgefühls) die Vereinigung aller slawischen Völker an.

Genealogie des Panslawismus

Der frühe ostmitteleuropäische Panslawismus

Als Geburtsstunde des politischen Panslawismus gilt der Prager Kongress vom Juni 1848 unter der Führung von František Palacký (1798-1876), einem tschechischen Historiker und Politiker. Unter Abwesenheit aller nicht-österreichischen Slawen (vor allem Russlands) beschworen die Gesandten die Einheit und Zusammenarbeit aller Slawen. Der Kongress hatte keine grosse politische Wirkung, signalisierte aber Stärke einer vernachlässigten Minderheit.

Dem frühen ostmitteleuropäischen Panslawismus ist eine mythologische, antirationale Verklärung einer gemeinsamen slawischen Vergangenheit eigen; seine geistigen Ursprünge liegen bei Rousseau, Herder und der Romantik. Ansätze zu den von den Slawophilen postulierten Wesenszügen der Slawen: friedliebend, naturverbunden, poetisch, leidbegabt, finden sich schon in Johann Gottfried Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit aus den Jahren 1785-91:

«Sie liebten die Landwirtschaft, einen Vorrat von Herden und Getreide, auch mancherlei häusliche Künste und eröffneten allenthalben mit den Erzeugnissen ihres Landes und Fleißes einen nützlichen Handel. Längs der Ostsee von Lübeck an hatten sie Seestädte erbauet, unter welchen Vineta auf der Insel Rügen das slawische Amsterdam war; so pflogen sie auch mit den Preußen, Kuren und Letten Gemeinschaft, wie die Sprache dieser Völker zeiget. Am Dnepr hatten sie Kiew, am Wolchow Nowgorod gebauet, welche bald blühende Handelsstädte wurden, indem sie das Schwarze Meer mit der Ostsee vereinigten und die Produkte der Morgenwelt dem nörd- und westlichen Europa zuführten. In Deutschland trieben sie den Bergbau, verstanden das Schmelzen und Gießen der Metalle, bereiteten das Salz, verfertigten Leinwand, braueten Met, pflanzten Fruchtbäume und führeten nach ihrer Art ein fröhliches, musikalisches Leben. Sie waren mildtätig, bis zur Verschwendung gastfrei, Liebhaber der ländlichen Freiheit, aber unterwürfig und gehorsam, des Raubens und Plünderns Feinde. Alles das half ihnen nicht gegen die Unterdrückung, ja es trug zu derselben bei. Denn da sie sich nie um die Oberherrschaft der Welt bewarben, keine kriegssüchtige erbliche Fürsten unter sich hatten und lieber steuerpflichtig wurden, wenn sie ihr Land nur mit Ruhe bewohnen konnten, so haben sich mehrere Nationen, am meisten aber die vom deutschen Stamme, an ihnen hart versündigt» (Herder 1965, S. 280).

Dieser Text wirkte wie elektrisierend auf die Slawen und war prägend für das slawische Selbstverständnis. Darauf gründen sich noch heutige Klischees genauso wie verbreitete Aussen- und Eigenbilder.

Der ostmitteleuropäische Panslawismus war im wesentlichen friedliebend und staatstreu gesinnt und eine mehr geistige als politische Strömung. Politisch kämpfte er für die Gleichberechtigung der slawischen Völker innerhalb der Monarchie Österreich-Ungarns.

Der russische Panslawismus

Hinter der russischen Version des Panslawismus stehen verschiedenste nationalistische Strömungen, die ihren Ursprung alle in den Ereignissen der Napoleonischen Kriege haben. Voll von den Eindrücken des als ‹frei› und ‹wohlhabend› empfundenen Westens kehrten die russischen Offiziere ins Vaterland zurück und wurden mit der Unbeweglichkeit der herrschenden Zustände konfrontiert.

Die Dekabristen (nach dem Datum des Aufstands 1825) übernahmen das nationalistische Gedankengut des Westens, das sich fest in der russischen Gedankenwelt etablieren sollte:
  1. Denken in Volks- statt dynastischen Kategorien
  2. Forderung nach einer Reinigung der russischen Sprache von Fremdwörtern
  3. Russifizierung, Forderung nach einer Assimilation der Juden
  4. Forderung nach der Verschmelzung aller Slawen zu einem Volk
  5. Homogenisierung, Forderung nach einem Einheitsstaat und einem einheitlichen Denken. Die Forderung nach einem Einheitsstaat war wie in Deutschland zu damaliger Zeit stets mit einem revolutionären Gedankengut verknüpft (nach Golczewski u.a. 1998, S. 19-20).
Alle nachfolgenden nationalistischen Strömungen, ob staatsnahe oder staatsfeindliche, nahmen auf diese Gedanken Bezug. Als direkte Reaktion auf die Dekabristen schuf Uwarow (1785–1855), der Bildungsminister unter Nikolai I., einen offiziellen Staatsnationalismus nach der folgenden Trinität:
  1. Autokratie: Die uneingeschränkte Herrschaft ist die beste Regierungsform für Russland
  2. Rechtgläubigkeit: Jeder gute Bürger Russlands sollte orthodoxen Glaubens sein. Dieses panrussische Gedankengut führte später zu der Unterdrückung der Polen, zu den Pogromen gegen die Juden und die Feindseligkeiten gegen die ausländischen Berater.
  3. Nationalgefühl (nach Carter 1995, S. 23-24).
Als Reaktion auf die europafreundlichen Schriften u.a. eines Tschaadajew (1794-1856) meldete sich in den 40er-Jahren die sogenannte slawophile Strömung zu Wort: Wie die tschechischen Nationalisten unter František Palacký verklärten sie die vorpetrinische Vergangenheit der Slawen, erhöhten die russische bäuerliche Lebensart gegenüber dem ‹oberflächlichen›, ‹rationalistischen› Wesen der Europäer. Sie standen dem nachpetrinischen ‹europäischen› Zarentum kritisch gegenüber, wiewohl sie autokratisch gesinnt waren.

Nach dem Krimkrieg (1853-1856) kam es zu einer Synthese zwischen der Slawophilie, der vormals rein geistigen Bewegung, die sich jetzt der Notwendigkeit des politischen Aktivismus bewusst wurde, und dem offiziellen Nationalismus, der sich von dem Prinzip des Legitimismus endgültig abwendete. Beide Strömungen wurden sich der Notwendigkeit von Reformen bewusst. Es kam zu einer spezifisch russischen Form des Panslawismus, die zum Beispiel einen geistigen Vertreter in dem Schriftsteller Dostojewski (1821-1881) findet und sich ungefähr in folgenden Punkten äussert:
  1. Glauben an eine messianische Sendung des russischen Volks, an ein ‹neues Wort› (Dostojewski), das es der Welt bringen wird, damit verbunden eine
  2. Vereinigung aller Slawen unter russischer Vorherrschaft, die durch einen
  3. aggressiven militärischen Expansionismus erreicht werden sollte und zur
  4. Ausbreitung der russischen Sprache und Kultur und der – etwas vagen – Vorstellung einer paradiesisch friedlichen Allmenschlichkeit auf Erden führen sollte.
Das Zentrum der panslawistischen Bewegung verschob sich von Prag nach Moskau. 1867 fand der zweite slawische Kongress in Moskau statt, an dem offensichtlich wurde, dass das Zarenreich nicht die Gleichheit aller Slawen, sondern die Führerschaft aller Slawen unter Russland anstrebte. Polen blieb dem Kongress ostentativ fern.

Politische Konsequenzen des Panslawismus

Im Russisch-Osmanischen Krieg (1877-1878) zeitigte die panslawistische Ideologie erstmals realpolitische Konsequenzen. 1875 erhoben sich die Christen in der Herzegowina, dann auch in Serbien und Bulgarien gegen die türkische Herrschaft. Eine Sympathiewelle in der russischen Bevölkerung führte – durchaus nicht im Sinn des Zaren – dazu, dass russische Offiziere die Kämpfe anführten, und viele russische Freiwillige in den Balkan zogen, um die Slawen zu unterstützen (Fischer Weltgeschichte 31, S. 242). Die serbische Niederlage gegen die Osmanen brachte die russische Regierung in Zugzwang, und es erklärte dem Osmanischen Reich 1877 den Krieg.

In der Folge dieses siegreichen Kriegs wurde die Herrschaft über dem Balkan und der Zugang zum Mittelmeer zu einer fixen Idee der russischen Aussenpolitik. Die Balkanbegeisterung verhinderte am Vorabend des Ersten Welkriegs eine Annäherung an Deutschland, wie es der traditionell deutschfreundlichen Gesinnung der konservativen Rechten entsprochen hätte und förderte die Parteinahme für Serbien (Golczewski u.a. 1998, S. 60).

Snyder interpretiert den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Folge unter anderem des Zusammenpralls zweier makronationalistischer Ideologien: des Panslawismus und des Pangermanismus (Snyder 1984, S. 32). Die nationalistische Ideologie löste in der Aussenpolitik dynastische und religiöse Motive ab.

Quelle

Der achte Teil von Lew Tolstois Roman Anna Karenina spielt vor dem Hintergrund des Russisch-Osmanischen Krieges. Der Protagonist Lewin lehnt das panslawistische Denken einer – seiner Meinung nach – kleinen Elite von Offizieren und Zeitungsleuten ab:

«Nein, ich darf mich nicht mit ihnen einlassen, dachte er [Lewin]. Sie sind unangreifbar gepanzert, und ich stehe nackt vor ihnen da. Er sah, daß er weder seinen Bruder noch Katawassow überzeugen, noch ihnen zustimmen konnte. Was sie predigten, war jene Überheblichkeit des Verstandes, die ihn fast zugrunde gerichtet hatte. Er konnte es nicht billigen, daß ein Dutzend Leute, zu denen auch sein Bruder gehörte, sich das Recht anmaßten, auf Grund dessen, was ihnen ein paar hundert in die Residenzen gekommene renommistische Freiwillige vorschwatzten, zusammen mit ihren Zeitungen als Wortführer des Volkswillens aufzutreten, besonders wenn dieser angebliche Volkswille auf Rache und Mord gerichtet war. Er konnte dem um so so weniger zustimmen, als er im Volke, in dessen Mitte er lebte, einen solchen Willen gar nicht fand und auch in sich selbst nicht spürte, obgleich er doch auch nur einer jener Menschen war, aus denen sich das Volk zusammensetzte. Vor allem aber wußte er wie das Volk überhaupt nicht – und er konnte es auch nicht wissen –, worin eigentlich das allgemeine Wohl bestand, fühlte andererseits jedoch mit instinktiver Gewißheit, daß das allgemeine Wohl nur durch die Erfüllung jenes Gesetzes des Guten erreicht werden konnte, das jedem Menschen offenbart war. Deshalb mußte er den Krieg selbst dann ablehnen, wenn er zu irgendwelchen allgemeinen Zwecken gepredigt wurde.» (Tolstoi 1967, S. 442).

Fjodor Dostojewski kritisierte die ideologische Grundausrichtung des achten Teils von Anna Karenina in seinem Journal Tagebuch eines Schriftstellers:

«I Wieder eine Isolierung. Der Achte Teil des Romans «Anna Karenina»

In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu protestieren: «Was heißt hier ‹Volk›! Auch ich bin ‹Volk›!»
Im separat gedruckten Achten Teil, dem Schlußteil des Romans «Anna Karenina», sagt Léwin, der Lieblingsheld des Autors, von sich, daß auch er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal [...] den «herzensreinen Lewin» genannt. Obschon ich nun unverändert fortfahre, an seine Herzensreinheit zu glauben, glaube ich doch nicht, daß er gleichfalls zum «Volk» gehörte; im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch er sich mit Vorliebe in die Isolierung zurückzieht. [...] Lewin ist natürlich keine konkrete Person, sondern nur die Phantasiegestalt des Dichters; aber dieser Dichter [...] läßt diese Phantasiegestalt teilweise auch seine eigenen Ansichten über unsere gegenwärtige russische Wirklichkeit verfechten, was wohl jedem klar sein wird, der dieses hervorragende Werk zu Ende gelesen hat. So werden wir denn, indem wir von dem nicht konkret existierenden Lewin reden, in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten russischen Zeitgenossen über die heutigen russischen Vorgänge sprechen. [...] Das wesentliche der Ansicht des Autors besteht, wenn ich richtig verstanden habe, darin, daß, erstens, unser Volk sich an dieser ganzen sogenannten nationalen Bewegung gar nicht beteilige und sie sogar überhaupt nicht verstehe; zweitens, daß dies alles absichtlich gefälscht worden sei, zunächst von gewissen Personen, sodann von den Journalisten aufgegriffen und unterstützt worden sei, aus materiellen Gründen, damit ihre Blätter mehr gelesen werden; drittens, daß alle Freiwilligen entweder verlorene und betrunkene Menschen oder einfach Dummköpfe gewesen wären; viertens, daß dieser ganze sogenannte Aufschwung des russischen Nationalgefühls für die Balkanslawen nicht nur von gewissen Personen gefälscht und von käuflichen Journalisten unterstützt worden sei, sondern auch im Widerspruch zu den sozusagen elementaren Anlagen des Volkes stehe ... Und schließlich fünftens, daß alle diese barbarischen, unerhörten Türkengreuel, die an den Balkanslawen verübt worden sind, in uns Russen keinerlei unmittelbares Gefühl des Mitleid zu wecken vermögen, und daß «ein solches unmittelbares Gefühl für die bedrängten Balkanslawen gar nicht vorhan­den ist und auch gar nicht vorhanden sein kann». [...] Übrigens möchte ich noch bemerken, daß ich diesen Lewin durchaus nicht mit der Person des Autors identi­fiziere, obschon der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja, sie ihm oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des gezeichneten Charak­ters. Ich sage das aus einer gewissen bitteren Verwunderung, denn wenn auch sehr vieles von dem, was der Autor Lewin sagen läßt, offensichtlich nur die Ansichten Lewins sind, des erdichteten Menschen, des künstlerisch dargestellten Charakters, so kann ich doch nicht leugnen, daß ich von einem solchen Autor etwas ganz Anderes erwartet hätte!

II Geständnisse eines Slawophilen

[...] Vielleicht drücke ich mich gar zu naiv aus, aber ich entschließe mich doch, folgendes auszusprechen: Die Tatsache dieses Eindrucks, den die Hervorbringung eines solchen geistigen Werkes, einer solchen Dichtung zweifellos macht, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der gewaltigen Tatsache der Kriegserklärung zusammen, und in meinem Geist sah ich diese beiden Tatsachen sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschen­den bedeutungsvollen Zusammenhang. Statt über mich nun zu lachen, hören Sie mich lieber erst an.

Ich habe in vieler Hinsicht rein slawophile Überzeugun­gen, obschon ich vielleicht nicht vollends Slawophile bin. Der Slawophilismus wird noch immer sehr verschieden aufgefaßt. Für viele bedeutet er auch heute noch – wie in alten Zeiten zum Beispiel für Belinskij – nur Dünnbier und Rettich, die primitivsten Nahrungsmittel. Belinskij hat es mit seiner Auffassung vom Slawophilismus tatsächlich nie weiter gebracht. Für andere (und zwar, nebenbei bemerkt, für sehr viele, wenn nicht gar für die Mehrzahl der Slawophilen selbst) bedeutet der Slawophilismus das Streben nach der Befreiung und Vereinigung aller Slawen unter der obersten Führung Rußlands – einer Führung, die sogar nicht einmal streng politisch zu sein braucht. Und für die dritten schließlich bedeutet der Slawophilismus, außer der Vereini­gung aller Slawen unter der Führung Rußlands, auch noch den geistigen Zusammenschluß aller derjenigen, die daran glauben, daß unser großes Rußland an der Spitze der ver­einten Slawen der ganzen Welt, der ganzen europäischen Menschheit und ihrer Zivilisation sein neues, gesundes und von der Welt noch ungehörtes Wort sagen wird. Dieses Wort wird zum Heil und zur bereits wahrhaften Vereinigung der ganzen Menschheit verkündet werden, zu einer Vereinigung in einem neuen brüderlichen, universalen Bund, dessen Grundlagen im Genius der Slawen, hauptsächlich aber im Geiste des großen russischen Volkes liegen, das so viel durch­gemacht hat und so viele Jahrhunderte zum Schweigen ver­urteilt gewesen ist, das aber von jeher große Kräfte für die künftige Klärung und Lösung vieler bitterer und verhängnis­voller Mißverständnisse der westeuropäischen Zivilisation in sich trägt. Zu eben dieser Gruppe Überzeugter und Gläu­biger gehöre auch ich. Es hat keinen Sinn, hierüber zu spotten und zu lachen: diese Worte sind alt, dieser Glaube ist uralt, und schon das allein, daß dieser Glaube nicht stirbt und diese Worte nicht verstummen, sondern, im Gegenteil, immer mehr erstarken, ihren Wirkungskreis erweitern und neue Adepten, neue überzeugte Verfechter finden, schon das allein könnte doch schließlich die Gegner und Verhöhner dieser Lehre veranlassen, sie ein wenig ernsthafter zu betrachten [...]. Die Sache ist nun die, daß in diesem Frühjahr unser gro­ßer Krieg um einer großen Tat willen begonnen wurde, und diese Tat wird früher oder später, ungeachtet aller zeitwei­ligen Mißerfolge, die die Entscheidung der Sache nur hin­ausschieben, dennoch zu Ende geführt werden, auch wenn das ersehnte Ziel im gegenwärtigen Kriege noch nicht voll erreicht werden sollte. Diese begonnene Tat ist so groß, das Ziel des Krieges ist für Europa so unwahrscheinlich, so un­glaubhaft, daß Europa sich natürlich entrüstete über unsere vermeintliche Hinterlist, nichts davon glauben konnte, was wir ihm, als wir den Krieg begannen, erklärt hatten, und daß es uns mit allen Mitteln zu schaden suchen und im Bund mit unserem Feind — wenn auch nicht in formellem politi­schen Bündnis, so doch heimlich — gegen uns kämpfen mußte, in Erwartung einer regelrechten Kriegserklärung. Und das alles selbstverständlich infolge unserer von uns offen mitge­teilten Absichten und Kriegsziele. «Der große östliche Adler hat sich über der Welt erhoben, mit zwei strahlenden Flü­geln über den Gipfeln der Christenheit», wie es in einer alten Weissagung heißt. Er will nicht besiegen, nicht erwerben, nicht seine Grenzen erweitern, sondern will die Unterdrück­ten und Verfolgten befreien und aufrichten und ihnen ein neues Leben zu ihrem Gedeihen und zum Gedeihen der Menschheit ermöglichen. Wie immer man dazu stehen, mit wie skeptischem Blick man die Sache auch betrachten mag, im Grunde ist das Ziel des Krieges doch nur dieses, eben dieses, und gerade das ist es, was Europa nicht glauben will! Und man glaube mir, dabei erschrickt es weniger vor der möglichen Erstarkung Rußlands als gerade davor, daß Rußland imstande ist, an solche Aufgaben und Ziele zu denken. Das merke man sich besonders. Etwas zu unter­nehmen nicht wegen eines direkten materiellen Vorteils für sich selbst, erscheint Europa dermaßen ungewohnt, dermaßen außerhalb der internationalen Gepflogenheiten, daß das Vorgehen Rußlands von Europa naturgemäß nicht nur als Barbarei einer «zurückgebliebenen, tierischen und ungebil­deten Nation» aufgefaßt wird, die allein einer solchen Ge­meinheit und Dummheit fähig ist, noch in unserer Zeit etwas von der Art der früher im finsteren Mittelalter vorgekommenen Kreuzzüge zu unternehmen, sondern auch noch als eine geradezu unmoralische Tatsache, die für Europa gefähr­lich sei und angeblich seine große Zivilisation bedrohe. Man schaue sich doch um: wer liebt uns jetzt in Europa? Selbst unsere Freunde, unsere anerkannten, sozusagen offiziellen Freunde, selbst diese erklären unverblümt, daß sie sich über unsere Mißerfolge freuen. Eine Niederlage der Russen ist ihnen lieber als ihre eigenen Siege; sie freut sie, sie schmei­chelt ihnen. Sollte es jedoch zu Erfolgen für uns kommen, so haben diese unsere Freunde schon längst unter sich be­schlossen, alle ihre Kräfte einzusetzen, um aus den Erfolgen Rußlands noch größere Vorteile für sich herauszuschlagen, als Rußland sie für sich selbst wird gewinnen können ... Aber auch davon später. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle, die an die große Zukunft und universale Bedeutung Rußlands glauben, in diesem Früh­jahr empfinden mußten, nach der Kriegserklärung Rußlands an die Türkei. Dieser unerhörte Krieg für die Schwachen und Unterdrückten, um ihnen Leben und Freiheit zu ermöglichen, und nicht, um sie ihnen zu nehmen, dieses jetzt in der Welt schon lange nicht mehr vernommene Kriegsziel, mußte für alle unsere Gläubigen als eine Tatsache erscheinen, die plötz­lich feierlich und bedeutungsvoll ihren Glauben bestätigte. Das war nun kein vager Traum mehr, keine bloße Ver­mutung, sondern es war Wirklichkeit, die sich zu beweisen begann. «Wenn es sich aber schon einmal zu verwirklichen begonnen hat, dann wird es sich auch vollenden, bis jenes große neue Wort vernehmbar wird, das Rußland an der Spitze der verbündeten Slawen Europa zu sagen hat. Und sogar dieses Wort selbst beginnt sich schon anzukündigen, obschon Europa noch weit davon entfernt ist, es zu verstehen, und noch lange ihm nicht glauben wird.» So dachten damals die Gläubigen. [...] Ja, wir Gläubigen glauben daran, was aber wird uns vorerst hier bei uns von unseren eigenen Landsleuten gesagt? Sie sagen uns, das seien doch nur wahnwitzige Illusionen, hysterische Wunschträume, Anfälle von Fanatismus und irrsinnige Krämpfe, und sie fordern von uns Beweise, präzise Angaben und schon verwirklichte Tatsachen als Beispiele. Worauf aber können wir denn jetzt schon als Begründungen unserer Prophezeiungen hinweisen? Auf die Befreiung der Leibeigenen etwa – eine Tatsache, die doch selbst hier bei uns noch so wenig als ungeheurer Beweis russischer Geisteskraft verstanden wird? [...]»
(Dostojewski 1963, S. 383-390).

Thesen aus den Quellen
  1. Es gibt eine Trennung zwischen Intelligenz und Volk; die Intelligenz strebt danach, zum Volk zu gehören, denn es vereinigt die besten ursprünglichsten Eigenschaften (Golczewski 1998 nennt dieses Bemühen ein populistisches und tragisches «Ins-Volk-Gehen» der russischen Intellektuellen, S. 37). Es ist von der Geschichte bestimmt, Europa zu erneuern, das in einen dekadenten Materialismus versunken ist. Den Türkischen Krieg versteht Dostojewski als ersten politischen Schritt und Anna Karenina als erstes neues Wort in diese Richtung.
  2. Dostojewski unterscheidet drei Arten von «Slawophilismus»: die Ablehnung der petrinischen Reformen («Dünnbier und Rettich»), den Panslawismus, der die Vereinigung aller Slawen unter russischer Führung anstrebt, und den slawischen Universalismus, der alle Slawen zur geistigen Führung über die Welt vereinen will. Er bekennt sich selbst zur letzten Ideologie.
  3. Den Krieg legitimiert Dostojewski mit der Befreiung der «Schwachen und Unterdrückten», ähnlich dem Legitimismus des Zarregimes. Tolstoi (bzw. Lewin) dagegen sieht keine Rechtfertigung im Krieg, auch wenn er zu «allgemeinen Zwecken» geführt wird.
  4. Dostojewski bejaht die Reformen unter Alexander II. als Akt der Barmherzigkeit.
  5. Tolstoi steht für eine Slawophilie der Innerlichkeit, während Dostojewski aus der Slawophilie eine panslawistische Aktion ableitet.
Zur These 5

Wenn im folgenden von «Autoren» oder «Schriftstellern» die Rede ist, namentlich von Tolstoi und Dostojewski, die aus ihren Werken «sprechen», so ist mit diesen Worten dies gemeint:

Spätestens seit Hayden White und dem Linguistic Turn ist es ein Gemeinplatz (oder sollte es sein!), dass die Geschichtsschreibung eine sprachliche Konstruktion ist, die der Historiker in zwei voneinander untrennbaren inneren Vorgängen herstellt: im poetischen Akt wird das historische Feld begrifflich gefasst und im sprachlichen Akt sprachlich dargestellt (White, Metahistory, S. 11ff). Ein «Autor» ist eine Möglichkeit, sich sprachlich zu inszenieren wie «Politiker» eine andere ist. Wie bei einem politischen Text gehen wir bei einem literarischen davon aus, dass ihn ein aussertextuelles Ich nach eigenen Vorstellungen und mit eigenen Absichten geschaffen hat. (Hier widerspreche ich der These Petersens, wonach fiktionale Texte sich durch eine Entpragmatisierung von den nichtfiktionalen unterscheiden, vgl. Petersen, Erzählsysteme, S.9.) Gerade bei so gesellschaftlich aktiven Schriftstellern und tiefgründigen Denkern wie Tolstoi und Dostojewski ist es eine interessante Aufgabe, ihre Werke nach bestimmten – ich wähle bewusst dieses vage Wort – Tendenzen der Weltanschauung und Absichten der Textübermittlung hin zu lesen. Wenn im folgenden also die heiklen und umstrittenen Worte stehen sollten: «Tolstoi meint», «Dostojewski sagt», so ist damit die sprachlich inszenierte Absicht und Werthaltung gemeint, die an dieser Stelle übertragen wird.

Obwohl beide der gleichen Generation angehörten, beide der realistischen Weltanschauung verpflichtet waren und dabei einer sehr gründlich reflektierten Religiosität huldigten, sind eine Menge Abhandlungen darüber geschrieben worden, wie sehr sich die zwei grossen Schriftsteller im Sprachduktus und in ihrer Geisteshaltung voneinander unterscheiden. Michail Bachtin hat das berühmte Wort geprägt, wonach Tolstois Werke monologisch aufgebaut seien, ganz in der Tradition der westlichen Literatur, Dostojewski aber die Form des dialogischen Romans neu entwickelt habe (Bachtin, Probleme der Poetik Dostoevskijs, vor allem Kapitel I und V). Dialogisch meint, dass die Figuren nicht biographisch, sondern nach einer Idee hin konzipiert wurden. Die Figuren sind Vertreter einzelner Ideen, die im Dialog zueinander stehen, und nicht wie im monologischen Roman einer gemeinsamen Grundideologie unterstehen. Die grundsätzliche Verschiedenheit ist für jeden Leser spürbar, wobei ich der Meinung bin, dass darüber die Gemeinsamkeiten nicht vergessen gehen sollten. Gerade in Tolstois Krieg und Frieden ist ein poetisches Verfahren immanent, das für Dostojewskis Romane konstitutiv ist: Die Tendenz, aus einer einzigen, in sich widersprüchlichen Figur zwei Figuren unterschiedlichen Charakters, aber nicht zwingend unterschiedlicher Weltanschauung wie bei Dostojewski, zu schaffen. So ergibt sich beispielsweise das Figurenpaar Andrej-Pierre genau wie Iwan-Aljoscha, Raskolnikow-Rasumichin, Rogoshin-Myschkin und wie sie alle heissen. Nur bestimmt bei Tolstoi der Charakter die Figur, bei Dostojewski die Idee.

Ob der Roman nun dialogisch oder monologisch konzipiert ist, bei beiden ist eine Weltanschauung greifbar, der mehr Sympathie entgegengebracht wird als den anderen und die wir deshalb ganz unerschrocken mit dem Namen Tolstois oder Dostojewskis verbinden dürfen. Auch wer wie viele Leser faszinierter ist von der abgründigen Zerrissenheit und Intelligenz Iwan Karamasows, wird bemerken, dass die Sympathie und das Schwergewicht der Brüder Karamasow im Hinblick auf die Gesamtausrichtung bei Aljoscha Karamasow liegen.

Meine These, die ich aus zwei kurzen Textbeispielen von Dostojewskis Tagebuch eines Schriftstellers und Tolstois Anna Karenina abgeleitet habe, besagt, dass Tolstoi für eine Slawophilie der Innerlichkeit stehe, während Dostojewski aus der Slawophilie eine panslawistische Aktion ableite. In dieser These baue ich zwei Beziehungen auf: eine Gleichheit und einen Gegensatz. Beide Schriftsteller, sage ich, seien slawophil, Tolstoi aber auf eine Weise slawophil, die daraus nur eine anthropologische, nicht aber wie Dostojewski eine politische (panslawistische) Schlussfolgerung zieht.

Slawophile Tendenzen bei beiden Autoren sind immer dann festzumachen, wenn sich der Text um das Wort «Volk» (narod) dreht, auf das sich die Slawophilen beriefen: Das Volk als Gegensatz zur Intelligenz meint die bäuerliche Gesellschaft und ihr kulturelles Leben in den Dörfern, die als «russisch» empfunden wurden im Gegensatz zur europäisierten Kultur des Adels seit Peter dem Grossen. Die Begriffe «Volk» und «russisch» sind Kollokationen, die bei Dostojewski und Tolstoi gleichermassen zu finden sind.

Dostojewski hat in seiner Besprechung von Anna Karenina sehr schön geschrieben, wie die Sympathie des Autors bei dem Protagonisten Lewin liegt (Dostojewski, Tagebuch eines Schriftstellers, S. 383-385). Im achten Kapitel von Anna Karenina zieht sich ebendieser Lewin dahin zurück, was Dostojewski «Isolierung» nennt, und zwar – nach Dostojewski – in eine Isolierung vom «Volk». Der Roman selber stellt diese Isolierung aber genau umgekehrt als Rückzug dar von den Salons der Intelligenzija zurück ins Volk. Während Sergej Iwanowitsch, Lewins Bruder und ein Propagandist des Panslawismus, seine Zeit «in Salons, auf Kongressen, in Versammlungen und Komitees» (Tolstoi, Anna Karenina II, S. 395) verbringt und das gemeinsame elterliche Gut kaum besucht, steht über Lewin, dass er «den größten Teil seines Lebens auf dem Lande in engster Gemeinschaft mit dem einfachen Volk zugebracht hatte» (ebd., S. 421). Er beteiligt sich an der bäuerlichen Arbeit, unterhält sich mit dem einfachen Volk und geht auf seine Sorgen ein und sagt von sich, er sei auch «Volk» (ebd., S. 437). Seiner Aussage, er könne im Volk eine panslawische Sympathie, die außerdem auf Mord gerichtet sei, nicht erkennen, bekommt durch seine Volksnähe innerhalb des Romans grösstes Gewicht: «Er konnte es nicht billigen, daß ein Dutzend Leute, zu denen auch sein Bruder gehörte, sich das Recht anmaßten, auf Grund dessen, was ihnen ein paar hundert in die Residenzen gekommene renommistische Freiwillige vorschwatzten, zusammen mit ihren Zeitungen als Wortführer des Volkswillens aufzutreten, besonders wenn dieser angebliche Volkswille auf Rache und Mord gerichtet war» (ebd., S. 442). «Das Volk», sagt er, «bringt Opfer, es ist dazu um seines Seelenheils willen bereit; aber ist nicht bereit, zu morden» (ebd., S. 443). Tolstoi stimmt der slawophilen Grundlage des Panslawismus zu, bei ihm steht das «Volk» genauso für die Stereotypen der mitleidenden, friedliebenden, religiösen, einfachen, kunstverständigen russischen Seele, die Herder vorgeprägt hat, er zieht aber daraus andere Schlüsse: diese Seele kann
  1. niemals mit den vermeintlichen slawischen Brüdern mitleiden, weil sie dem Volk unbekannt sind und
  2. kann sie ihr Mitleiden niemals auf Krieg, d.h. auf Rache und Mord richten.
Lewin, der damit Tolstois Ideal vorlebt, zieht sich in die Innerlichkeit zurück, indem er sein Leben auf die elementarsten sozialen Funktionen konzentriert: auf seine Familie und auf den Umgang mit den Bauern, denen er wie kein anderer beratend zur Seite steht. In diesem Rahmen sieht Tolstoi die gutmeinende Kraft der russischen Seele verwirklicht. Das ist Slawophilie, aber kein Panslawismus, der aus der Ideologie immer eine politische Schlussfolgerung zieht. Ein Verfechter solcher panslawistischer Aktion ist Dostojewski.

In seinem Tagebuch eines Schriftstellers, einer Art Journal, das er ca. vier Jahre lang unregelmässig herausgab, schreibt Dostojewski, dass für ihn im Jahr 1877 zwei bedeutende Ereignisse zusammenfielen: die Kriegserklärung Russlands gegen das osmanische Reich und das Erscheinen der ersten sieben Teile von Anna Karenina. Beide Ereignisse, schreibt er, hätten ihn in seinem Vertrauen gestärkt, dass Russland sich langsam erhebt und sein neues Wort spricht. Der Krieg wurde ohne einen direkten materiellen Vorteil und nur aus dem Bedürfnis heraus geführt, den «Schwachen und Unterdrückten» (Dostojewski, Tagebuch eines Schriftstellers, S. 389) zu helfen – ein Kriegsgrund, das im materialistischen, auf Eigennutz bedachten Europa nur auf Unverständnis stossen konnte. Gleichzeitig mit dem Krieg erschien Anna Karenina, eine ungeheure geistige Leistung, die in Europa ihresgleichen sucht. Für ihn war Tolstois Werk bis zu seinem achten Teil untrennbar mit dem Gedanken des Panslawismus verbunden, was umso wichtiger war, als sein Expansionismus, wie ich ihn im Handout dargestellt habe, nicht unbedingt streng politischer, sondern mehr kultureller und geistiger Natur war. Anna Karenina, ein Werk von Weltrang, hätte einen ersten Schritt in diese Richtung bedeutet.

Umso bitterer musste es für ihn sein, dass sich der Autor im Schlussteil gegen die Gedanken wendet, die Dostojewski eigens mit Tolstoi verbunden hatte. Aus Enttäuschung spricht Dostojewski Lewin jede Verbundenheit mit dem Volk ab, er sei und bleibe «ein Moskauer Landedelmann jener selben mittelhöheren Adelskreise, deren Historiker Graf L. Tolstoi vornehmlich ist. [...] Ich will hier nur erwähnen, daß gerade diese Herren, wie etwa Lewin, niemals vollkommen ‹Volk› werden können, gleichviel wie lange sie unter dem Volk oder neben dem Volk leben, ja – in vieler Hinsicht werden sie es sogar überhaupt nicht verstehen und nie verstehen lernen. Selbstüberhebung und bloßer Wunsch [...] genügen nicht, einen Menschen nun gleich zu dem zu machen, was er plötzlich sein will» (ebd., S. 406). Wenn Lewin keinen Draht zum Volk besitzt, dann schätzt er es auch in der Slawenfrage falsch ein.

Aufgrund ihres dialogischen Charakters geht Dostojewskis panslawistisches Gedankengut niemals so klar aus seinen Werken hervor wie aus dem Tagebuch eines Schriftstellers. Eine Grundideologie, von der ich vorhin gesprochen habe, ist in diese Richtung am ehesten noch in den Brüdern Karamasow auszumachen, seinem vielleicht ideologischsten Roman. Darin wird der Gedanke einer östlichen Heiligkeit aufgebaut, die ganz eindeutig im Gegensatz zum europäischen Katholizismus gesehen werden muss (vgl. darin die Aufzeichnungen des Starez Sosima und Iwans Erzählung Der Großinquisitor).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Beide Schriftsteller kehren sich hin zum Volk als Quelle des Heils und der Erlösung. Tolstoi bleibt beim russischen Volk, während Dostojewski seine Bedeutung weiter zieht auf das ganze Erdenvolk, dessen verschiedenste Anlagen im russischen Volk vorgeprägt seien. In den Bemerkungen zu Anna Karenina und dann nochmals in seiner berühmten Puschkin-Rede, stellt Dostojewski heraus, dass Puschkin als erster die Universalität Russlands, «sein Echo auf alles, was in der Welt erklingt» (ebd., S. 394), entdeckt und vorgelebt hat: In seinen Dichtungen habe er gezeigt, dass er «nicht nur wie ein Mensch der Antike zu empfinden [vermag], oder wie ein Germane, ein Engländer [...], er ist auch ein Dichter des Orients» (ebd., S. 394-395). Ein Volk, das alle Wesensmerkmale der Menschheit in sich vereint und das alles versteht, wird den Völkern der Erde eine vereinigende Kraft und ein leuchtendes Beispiel sein.

Literatur

Carter, Stephen K.: Russischer Nationalismus. Von Dostojewski über Solschenizyn zu Schirinowski?, Berg 1995.

Dostojewski, Fjodor M.: Tagebuch eines Schriftstellers. Notierte Gedanken, aus dem Russischen von E. K. Rahsin, München 1963.

Golczewski, Frank/ Pickhan, Gertrud: Russischer Nationalismus. Die russische Idee im 19. und 20. Jahrhundert. Darstellung und Texte, Göttingen 1998.

Goehrke, Carsten/ Hellman, Manfred u.a. (Hrsg.): Rußland, Frankfurt 1972 (= Fischer Weltgeschichte 31).

Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Berlin und Weimar 1965.

Petersen, Jürgen H.: Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte. Stuttgart und Weimar 1993.

Snyder, Louis L.: Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements, Westport 1984.

Tolstoi, Anna Karenina II, aus dem Russischen von Fred Ottow, Genf 1967.

White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt/M. 1991.

Montag, 2. Februar 2009

Hayden White, Metahistory

1. Der Autor
2. Titel des Werks
3. Ausgangssituation
4. Theorie: die narrative Erklärungsstrategie
5. Kritik von Seiten der Historiker
6. Thesen
7. Auszug aus Metahistory
8. Quellenübung: Leopold Ranke
9. Fussnoten
10. Exzerpte
11. Literatur

1. Der Autor

Hayden White (*1928 im US-Bundesstaat Tennessee) lehrte Bewusstseinsgeschichte an der University of California, Santa Cruz (südlich von San Francisco) und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

Bewusstseinsgeschichte «ist ein interdisziplinäres Fach an der geisteswissenschaftlichen Fakultät mit Verbindung zu den Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften und den Kunstwissenschaften. Sie befasst sich mit den Formen menschlichen Ausdrucks und Verhaltens, wie sie sich in den spezifischen historischen, kulturellen und politischen Kontexten äussern.»1

Beide Fachwissenschaften, die Bewusstseinsgeschichte und die Vergleichende Literaturwissenschaft sind weit ausgerichtet und verfolgen einen interdisziplinären Charakter. Vgl. These 1. Whites wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in der Untersuchung der narrativen Strukturiertheit der Geschichtswissenschaft. Geisteswissenschaftlich ist er dem Formalismus (Signifikant bestimmt Signifikat), dem Strukturalismus (Signifikanten bestimmen einander gegenseitig) und der Bewegung des Linguistic Turn zuzurechnen. Vgl. These 2. Als Whites Hauptwerk gilt Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, erschienen 1973, dt. 1991

2. Titel des Werks

Metahistory bedeutet Metageschichtsschreibung, d.i. das Schreiben über Geschichtsschreibung. Der metahistorische Diskurs sucht nach metahistorischen Elementen in der Geschichtsschreibung. Jedes historische Werk hat nach White zwei Ebenen:
  1. die manifeste Ebene, darunter fallen die Oberflächenstruktur, epistemologische, ästhetische, moralische Dimensionen, theoretische Begriffe und
  2. die latente Ebene, die Tiefenstruktur, die verschiedenen vorkritischen Mechanismen, die zur Erklärung und Strukturierung von Sachzusammenhängen angewandt werden.2
Die Elemente der latenten Ebene sind metahistorisch. Vgl. These 3.

3. Ausgangssituation

Spätestens seit der Aufklärung stellt sich das Problem, dass es verschiedene Darstellungen über dieselben historischen Ereignisse gibt, die gleichermassen einleuchtend sind, sich aber gegenseitig ausschliessen oder widersprechen.

Dieser Sachverhalt provoziert mehrere Fragen, die im Lauf der Geschichte unterschiedlich beantwortet wurden:
  1. Ist die Geschichtsschreibung zu einem objektiven Erfassen von Tatsachen fähig? Kann sie die Wahrheit erkennen?
  2. Ist die Geschichtsschreibung eine Wissenschaft?
  3. Inwiefern unterscheidet sich die geschichtliche Erzählung von der poetischen Erzählung?
Als Antwort auf die verschiedenen Formen der Geschichtsschreibung in der Voraufklärung – die Kirchengeschichte, Ethnographiegeschichte, die antiquarische und die galante Geschichte – entwarf die Aufklärung eine kritische, reflektierende Geschichtsschreibung.3

Als Antwort auf das skeptizistische, ironische Geschichtsbild der Spätaufklärung, wurden romantische (mythisierende) und idealistische (Geist als Akteur der Geschichte) Konzepte entworfen.

Auf dieser Grundlage bildete sich die akademische Geschichtsschreibung heraus, deren Geschichtskonzeption des 19. Jahrhunderts man unter dem Begriff «Historismus» zusammenfasst:
  1. Postulierte Parteilosigkeit,
  2. zwischen Wissenschaft und Kunst: wissenschaftliche Methode und künstlerische Darstellung,
  3. Schilderung statt Erklärung,
  4. Realismus.
Trotz der breiten Akzeptanz und dem hohen Grad an Selbstreflexion gelang es dem Historismus nicht, sich auf eine allgemein verbindliche Form der Erklärung und ein Begriffsystem zu einigen, die nach White die Grundlage jeder Wissenschaft sind.4 Die Uneinigkeit manifestierte sich in historischen Werken mit unterschiedlichen narrativen Erklärungsmustern und unterschiedlichen ideologischen Implikationen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führten. Die Folge war ein Niedergang des Historismus und eine erneute Welle ironischer Geschichtsbilder, zu denen wir auch Hayden Whites Metahistory zählen dürfen.

White analysiert in seinem Buch die Klassiker des Historismus, die in der Geschichtsschreibung oder Philosophie heute noch den Rang von Vorbildern haben: die Historiker Michelet, Ranke, Tocqueville und Burckhardt und die Geschichtsphilosophen Hegel, Marx, Nietzsche und Croce.

4. Theorie: die narrative Erklärungsstrategie

Es ist eine der ältesten Fragen in der Geschichtswissenschaft, ob die Geschichtsschreibung mehr narrativ oder analytisch sein soll – von Thukydides, der sich durch seine streng analytische Darstellung von dem Geschichtenerzähler Herodot abgrenzte, bis zu dem Streit zwischen der Annales-Bewegung und den Verfechtern der politischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Narrativität wurde mit der diachronischen Darstellung von Ereignissen gleichgesetzt, die Analyse mit der synchronischen Darstellung von Strukturen, die den Ereignissen zugrundeliegen.

White weist nach, dass beide Formen der Darstellung Erzählungen sind, die auf der verschiedenen Gewichtung von drei Arten der Erklärung des historischen Feldes beruhen:
  1. Erklärung durch Formen der narrativen Strukturierung: Einer Erzählung muss ein Anfang, ein Schluss und eine Bedeutung verliehen werden, sonst wird sie niemand lesen. Die Bedeutung wird dadurch bestimmt, wie die Fabeln (die primitive Erzählform) miteinander verbunden werden. White unterscheidet vier Archetypen der antiken Dramatheorie, die bei einzelnen Autoren unterschiedlich vorherrschen: die Romanze (Drama der Selbstfindung, Triumph des Guten über das Böse), die Tragödie (Zustand der Gespaltenheit, Untergang des Protagonisten), die Komödie (Erlösung, Versöhnung) und die Satire (Drama der Trennung, Einsicht in die Unzulänglichkeit des Menschen).
  2. Erklärung durch Art der formalen Argumentation: Der Historiker zieht aus der erzählenden Darstellung logische Schlussfolgerungen vom Allgemeinen auf das Besondere aufgrund von angenommenen Gesetzen (nomologisch-deduktive Beweisführung). White unterscheidet vier Formen, die eine Schlussfolgerung haben kann: die formativistische, die mechanistische, die organizistische und die kontextualistische. Zentral für diese Unterscheidung ist das Verhältnis der Teile zum Ganzen. Vgl. These 4.
    Die formativistische Argumentation bestimmt möglichst genau die Merkmale der Teile im Verhältnis zu den anderen Teilen. Sie erklärt sich Ereignisse anhand von unverwechselbaren Merkmalen, die es von den anderen unterscheiden. White nennt dieses Verfahren deshalb ‹zerstreuend›.
    Die mechanistische Argumentation hält aussergeschichtliche Kausalgesetze handlungsbestimmend. Sie ist eher reduktiv al integrativ, denn sie such nach aussergeschichtlichen Triebkräften, die die Ergebnisse im historischen Feld determinieren.
    Die organizistische Argumentation hält die Einheiten von Phänomenen für grösser als die Summe ihrer Teile. Sie fasst die Einzeldinge als Momente eines synthetischen Geschehens auf, eines grösseren Ganzen. Sie benutzt deshalb häufig Begriffe wie «Geist», «Weltgeschichte» u.a., um anzuzeigen, dass den Ereignissen etwas Grösseres zugrunde liegt.
    Die kontextualistische Argumentation erklärt Ereignisse durch die Rückversetzung in ihren ursprünglichen Kontext. Sie isoliert ein Ereignis und versucht dann, die Fäden zu bestimmen, die dazu geführt haben.
  3. Erklärung durch ideologische Implikation: Ideologie meint hier die bestimmte Position gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft und den Willen zur Veränderung oder Erhaltung. White unterscheidet vier ideologische Grundpositionen: den Anarchismus, Radikalismus, Konservativismus und Liberalismus. Alle erkennen die Notwendigkeit von gesellschaftlichem Wandel an, der Konservativismus allein begrüsst ihn nicht. Der Anarchismus und Radikalismus fordern einen schnellen Wandel; der Radikalismus sieht die utopischen Verhältnisse als unmittelbar bevorstehend, der Anarchismus erkennt in der fernen Vergangenheit eine Gesellschaftsform, die dem Menschen jederzeit wieder offen stehe. Der Liberalismus sieht das utopische Ideal in der fernen Zukunft, der Konservativismus sieht die Gegenwart als bestmögliche Gesellschaftsform, die sich der Mensch in der Geschichte überhaupt noch erhoffen kann.
Das Pikante an diesen drei Erklärungsmustern ist, dass sie nicht unabhängig voneinander sind, sondern Wahlverwandtschaften eingehen. So wird ein Historiker mit einem anarchistischen Weltbild seine Geschichten vorzugsweise als Romanzen strukturieren und formativistisch argumentieren. Die Dominanz von formativistischen und kontextualistischen Modellen seit dem 19. Jahrhundert erweist sich als ein ideologisches Vorurteil.

Auf der formalen Ebene sind diese Affinitäten tropologisch unterschiedlich strukturiert. White unterscheidet vier Arten von Tropen (sprachliche Mittel der Argumentation):
  1. Die Metapher charakterisiert Phänomene nach ihrer Ähnlichkeit, versucht sie darzustellen.
  2. Die Metonymie ist reduktionistisch, indem sie das Ganze auf eines seiner Teile reduziert. Phänomene werden (zum Beispiel kausal) als Teil-zu-Teil-Beziehungen wahrgenommen.
  3. Die Synekdoche ist integrativ, denn sie symbolisiert eine bestimmte Qualität oder Eigenschaft des Ganzen durch einen Teil.
  4. Die Ironie ist negatorisch, sie reflektiert ihre eigene Wahrhaftigkeit und Figürlichkeit, zum Beispiel in der Form des Zweifels.
Die Tropen sind jeweils einer Erklärungsebene zugeteilt. Das zeigt nicht an, welcher Tropus für welches Erklärungsmuster am meisten verwendet wird, sondern welcher tropologische Vorgang vorherrschend ist: der darstellende, der reduktionistische, integrative oder negatorische.

Um es zu interpretieren, muss der Historiker das historische Feld zuerst begrifflich fassen. Dieser poetische Akt der «Begrifflichmachung» des historischen Feldes ist nicht von dem sprachlichen Akt der Interpretation trennbar, weil ihm dieselbe tropologische Struktur zugrunde liegt.

Es ergibt sich folgendes Modell:


Die Dominanz und Resonanz eines Erklärungsmusters ist eine Zeiterscheinung, metaphorische, metonymische, synekdochische und ironische wechseln einander in ihrer Vorrangstellung ab. Jede historische Darstellung vereint Elemente aus allen Ebenen; die Frage ist nur, welche Erklärungsstragegie vorherrscht. Die Kombinationen der Affinitäten sind nicht zwingend, im Gegenteil ist es nach White eine Eigenheit grosser Historiker, verschiedene Arten von Erklärungen in dialektischer Spannung miteinander zu verbinden, die nicht zueinander passen.

5. Kritik von Seiten der Historiker5
  1. Die Theorie vertritt einen sprachlichen Determinismus, denn sie besagt, dass der Historiker nur das erkennen kann, was begrifflich fassbar ist. Dabei ändern Historiker im Lauf ihrer Forschung ihre Anschauungen und können zu neuen Erkenntnissen über den Sinn einer Quelle gelangen.
  2. Die Theorie vertritt einen sprachlichen Relativismus, sie ermächtige die Leser, die Sprachfiguren so zu lesen, wie sie momentan gerade gehandelt werden, das münde auch in einen moralischen Relativismus, da die historischen Tatsachen nur noch sprachliche Fiktionen werden. Vgl. Thesen 3 und 5.
  3. Die Theorie betont zu sehr die poetischen, konativen und metasprachlichen Funktionen des historischen Diskurses, wobei der historische Diskurs primär referentiell, expressiv und kommunikativ sein soll.
Vgl. These 6.

6. Thesen
  1. Whites Ansatz ist interdisziplinär. Seine Theorie lässt sich fächerübergreifend auf alle narrativen Texte anwenden, weil die Tiefenstruktur dieselbe bleibt. Er wehrt sich gegen die Unterscheidung von Geschichtsphilosophie und Geschichtsschreibung, und Typisierungen wie «Soziologe» oder «Historiker» lehnt er ab, wenn es um den Beitrag Einzelner zum Wissen geht.6 Für die Unterscheidung zwischen ganzen Disziplinen und ihre Geschichte mögen sie Bestand haben.
  2. Whites Methode ist formalistisch und strukturalistisch. Dabei verbindet er aber die Makrostruktur (das Wie) mit der Mikrostruktur (dem Was) einer Erzählung. White bezeichnet seine Methode selber als «formalistisch»7, was insofern berechtigt ist, als er sich vor allem mit der Figürlichkeit der historischen Rede befasst und ihren unbewussten Implikationen auf die Erklärungsstrategie. Er übernimmt in leicht abgeänderter Form Jakobsons strukturalistische Definition von den Tropen, die sich aus dem Verhältnis der Teile zum Ganzen ergeben. Die Unterscheidung von der Art der Argumentation und der Erzählstruktur ist aber inhaltlich motiviert. Es können keine formalen Gründe genannt werden, warum eine Erzählstruktur komisch (versöhnlich) oder romantisch (befreiend) ist, oder warum die ideologische Implikation anarchistisch oder konservativ ist. Diese Narrationsanalyse hat deshalb auch am meisten Kritik erfahren, Lüsebrink nennt sie «empirisch kaum nachvollziehbar».8
  3. Die Unterscheidung von Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie ist nach White «vorkritisch», weil die Tiefenstruktur dieselbe ist. Was unterscheidet aber die Geschichtsphilosophie von der Metageschichtsschreibung? Die Geschichtsphilosophie hat die Geschichte zum Gegenstand, das ist eine abstrakt angenommene «Wirklichkeit» oder «Wahrheit» aus der Geschichtsschreibung. Sie versucht, aus den gewonnenen Wahrheiten allgemeingültige Gesetze abzuleiten, die sie auf die Zukunft überträgt. Sobald sich die Geschichtsphilosophie mit dem Wesen und der Methode der Geschichtsschreibung befasst, ist sie metahistorisch. Die Metageschichtsschreibung setzt sich mit der narrativen Strukturiertheit der Geschichtswissenschaften auseinander und ist sich ihrer eigenen tropologischen Gemachtheit bewusst.
  4. Das Verhältnis der Teile zum Ganzen, und die Vorstellung vom Ganzen ist bestimmend für Whites Theorie von der Tropologie der Geschichtswissenschaft. Während das Ganze deutlich als Geschichte in ihrer – abhängig von der Erklärungsstruktur unfassbaren oder willkürlich festgesetzten – Gesamtheit zu lesen ist, fehlt eine genaue Definition der Teile in Whites Werk. Es sind die Teile, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt, die einzelnen Daten des historischen Felds. In Anlehnung an Droysens mögliche Formen der historischen Interpretation9 stelle ich fest, dass die Teile je nach der vorherrschenden Interpretationsform mehr die Individuen (bei der psychologischen Interpretation), mehr die Ereignisse (bei der pragmatischen Interpretation), mehr die Bedingungen (bei der teleologischen Interpretation), oder mehr die Ideen sind (bei der ethischen Interpretation).
  5. Der Unterschied zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Texten besteht für White in ihrem Referenten auf der manifesten Ebene. Geschichtswerke verweisen auf Referenten, die ausserhalb des Bewusstseins des Verfassers existieren, während die Referenten der Literatur imaginär sind.10 Allerdings ist es gerade eines von Whites Anliegen, zu zeigen, dass sich Fiktionalität und Nichtfiktionalität, Figürlichkeit und Wörtlichkeit nicht ausschliessen, sondern «Pole eines sprachlichen Kontinuums [sind], zwischen denen sich die Rede bei der Formulierung sämtlicher Diskurse [...] bewegen muß.»11
  6. Das Problem mit der Kritik von Seiten der Historiker ist, dass sie die latente Ebene einer Textstruktur mit der manifesten gleichsetzt. Die manifeste Ebene liegt im subjektiven Ermessen des Autors, ist kontrollier- und steuerbar, wie zum Beispiel die Referentialität von Begriffen. Whites Theorie «bestreitet weder, daß es außerhalb des Diskurses existierende Dinge gibt, noch spricht sie uns die Fähigkeit ab, uns in unserer Rede auf derartige Dinge zu beziehen und sie darzustellen. Sie behauptet [...] lediglich, daß sprachliche Referentialität und Darstellung sehr viel komplexer seien, als die älteren Vorstellungen von der Wörtlichkeit der Sprache und des Diskurses glaubten.»12 Sie verkompliziert die manifeste Ebene, indem sie die latente offenlegt und stellt dadurch das Wissen bereit, vorkritische und unbewusste Strukturen – gerade den sprachlichen und moralischen Determinismus – zu hinterfragen.
7. Auszug aus Metahistory

Der folgende Auszug zeigt sehr deutlich, wie Historiker in ihrer Darstellung von ideologischen Implikationen geleitet werden.

«Von Laue [...] unterscheidet zwischen den ‹umfassenderen Schlußfolgerungen der Rankeschen Geschichtsschreibung, mit ihren religiösen Obertönen und der philosophischen Ambition, die göttlichen Absichten im Hinblick auf die Geschichte zu begreifen›, und seiner ‹Methode›, die überlebt habe. Tatsächlich hat, so von Laue, Ranke ‹eine Schule von Historikern hinterlassen, die in der Frage der gemeinsamen Objektivitätsstandards grundsätzlich übereinstimmen. Akademisch verankerte Historiker allerorten betonen die Notwendigkeit des kritischen Studiums möglichst ursprünglicher Quellen, einer Durchdringung aller Details, und der schließlichen Verallgemeinerung und Synthese des Ausgangsmaterials. Nach wie vor halten sie am Ideal der Objektivität und der Unterordnung des Historikers unter seinen Gegenstand fest›.

All dies trifft zu, aber es macht nicht hinreichend klar, in welchem Ausmaß Begriffe wie ‹Objektivität›, ‹kritisches Studium›, ‹Durchdringung der Details› sowie die Formulierung von allgemeinen Aussagen anhand der Betrachtung des ‹Ausgangsmaterials› bestimmte Vorstellungen von Wahrheit und Realität voraussetzen, durch die jene ‹umfassenderen Schlußfolgerungen› begründet werden, die Ranke aus seinem Studium des Materials abgeleitet zu haben behauptet. Rankes enorme Produktivität [...], in der sich ein hoher Forschungsstandard und ein ebensolches Talent zur erzählenden Darstellung spiegeln, läßt sich nur ermessen, wenn man berücksichtigt, mit welcher Gewißheit er seinen Stoff erfaßt und welches Vertrauen er in die Angemessenheit seines Kriteriums für wichtige und unwichtige Belege unter den Daten setzt. Es war das Vertrauen in dieses Kriterium – dessen Beschaffenheit in seinen Augen seine Geschichtsauffassung von der der Positivisten, Romantiker und Idealisten gleichermaßen unterschied –, das den Beifall der Historiker – konservativer wie liberaler, professioneller wie amateurhafter – seiner Epoche fand, und zwar in einem Maße, daß er zum Vorbild ‹realistischer› historischer Erkenntnisarbeit wurde.

Ranke erfaßt intuitiv, daß die Historiographie des neuen Zeitalters, sollte sie den Zwecken dienlich sein, zu denen seine Wertvorstellungen sie bestimmten, zunächst die metonymische Darstellungsform mit ihrem mechanistischen Begriff der Verursachung und ihren ironischen Konsequenzen für Werte und Ideale verwerfen müsse. Diese Kritik bedurfte keiner weiteren formalen Rechtfertigung, da sie ja Herder bereits geleistet hatte. Zudem hatten Revolution und Reaktion den Bankrott aller abstrakten Repräsentation gesellschaftlicher Wirklichkeit besiegelt, und der Romantizismus hatte in Kunst und Dichtung die irrationalen Handlungsantriebe des Menschen offengelegt. Doch das historische Denken konnte sich ebensowenig auf eine bloß metaphorische Beschreibung des historischen Feldes zurückziehen und gleichzeitig Anspruch auf den Titel einer ‹Wissenschaft› erheben, die sie für Ranke sein mußte, wenn das Fach Objektivität behaupten wollte. Gleichzeitig war der unvermittelte Schritt in eine synekdochische Historiographie versperrt, die nach formalen Zusammenhängen im historischen System fahndet – denn hier drohte die Versuchung des Idealismus. Ranke verleiht deshalb dem historischen Feld eine metaphorische Vorstruktur, die das Interesse primär auf die Ereignisse in ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit, ihrer Lebendigkeit und Mannigfaltigkeit lenkt, und entwickelt dann ein synekdochisches Verständnis von ihm als Feld formaler Zusammenhänge, deren schließliche Einheit man sich in Analogie zu derjenigen der Teile vorstellen kann. Dieses Verfahren entlastet Ranke nicht nur davon, allgemeingültige kausale und relationale Gesetze der Geschichte – ob nun in synchronischer (positivistischer) oder in dialektischer (hegelischer) Manier – ausfindig machen zu müssen, es begünstigt auch die Überzeugung, daß die höchste Erklärungsweise, die der Historiker anstreben könne, die einer narrativen Beschreibung des Geschichtsprozesses sei. Ranke gewahrt jedoch nicht, daß man zwar ein romantisches Konzept im Namen der Objektivität verwerfen kann, daß man aber, solange Geschichtsschreibung als Erklären durch Erzählen verstanden wird, aufgefordert ist, die formgebende Erzählstruktur zur Aufgabe des Erzählens zu machen.
»13

8. Quellenübung: Leopold Ranke

Ranke gilt als Begründer des Historismus. Er machte das Quellenstudium zur Grundlage der Geschichtswissenschaften. Unten ist ein Ausschnitt eines Essays aus dem Jahr 1833 abgedruckt. Lies ihn mit Blick auf folgende Fragen: Welche Erklärungsstrategien wendet Ranke an? Wie können wir ihn nach Whites Theorie einordnen? Beachte dabei vor allem, welche Teile Ranke voraussetzt und zu welchem Ganzen er sie in Beziehung setzt.

«Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung; vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug, daß es die großen Mächte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines jeden insbesondere lebendig erneuert.

Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.

In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Ver­bindungen gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen mehrere größere durch ein politisches System verknüpfte Königreiche und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der mazedonisch-griechischen Königreiche nach Alexander erwähnen. Sie bietet manche Ähnlichkeit mit der unserigen dar: eine sehr weit gediehene gemeinschaftliche Kultur, mili­tärische Ausbildung, Wirkung und Gegenwirrung verwickelter auswärtiger Verhältnisse; große Bedeutung der Handels­interessen, der Finanzen, Wetteifer der Industrie, Blüte der exakten, mit der Mathematik zusammenhängenden Wissenschaften. Allein jene Staaten, hervorgegangen aus der Unter­nehmung eines Eroberers und der Entzweiung seiner Nach­folger, hatten keine besonderen Prinzipien ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden vermocht. Auf Soldaten und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so bald auf­gelöst, verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt, wie Rom sie so rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum, weil Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht der Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der all­gemeinen Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereig­nisse gegeben hat, geeignet, einen solchen Irrtum zu zer­trümmern, so sind es die Ereignisse unserer Zeit gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen Kraft, der Nationalität für den Staat endlich einmal wieder zur Anschauung in das allgemeine Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren Staaten allgemeine Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren Staaten geworden, hätten sie nicht neues Leben aus dem nationalen Prinzip, auf das sie gegründet waren, empfangen? Es wird sich keiner überreden, er könne ohne dasselbe bestehen. Und so sage man denn nicht, daß doch durch jene Veränderun­gen, die sich allenthalben ereignen, alle Staaten mehr oder minder einander gleich geworden, daß sie auf derselben Stufe wie der französische befindlich seien, daß zuletzt allen drohe, was dieser erfahren habe. Es ist, wenn ich nicht irre, deutlich, daß Frankreich viel wirksamer gewesen durch den Gegensatz, den es hervorgerufen, als durch die Nachahmung, die es veranlaßt hat. Wie will man doch den Unterschied verkennen, der zwischen der Umwälzung in Frankreich und den Veränderungen in anderen Staaten obwaltet? Dort hat sich die Empörung, nachdem sie den Sieg erfochten, auch zum Herrn gemacht; eben darum hat ihr Staat niemals zur Konsistenz kommen können, weil dies Prinzip an seinem Ursprung haftet. Nun sind aber die Resultate der Revolution von der Restauration niemals in ihrem Wesen angetastet worden, ja sie haben sich vielmehr unter der Ägide derselben konsolidiert und mit der legitimen Dynastie in fortwährendem Widerspruch erhalten. In den übrigen Ländern aber ist die oberste Gewalt im Bunde mit den größeren Freiheiten, die sie gewährt; ihre Stellung selbst ist dadurch unabhängiger und kräftiger ge­worden. Man lasse sich doch nicht durch einen flüchtigen Schein täuschen, der so oft wiederkommt! In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts schienen die europäischen Fürsten mit der französischen Philosophie im Bunde zu sein. Es beruhte dies auf manchen andern Gründen; doch war es auch darum natürlich, weil diese Richtung die Opposition einer Regierung machte, welche noch immer das Übergewicht in Europa in Anspruch nahm. Darum weil Friedrich II. die französischen Philosophen bei sich aufnahm, sie beschützte, ihre Meinungen teilte, fiel es ihm doch nicht ein, auch seinen Staat nach ihren Theorien einzurichten; ihren praktischen Tendenzen hat er sich immer lebhaft widersetzt. In dem revolu­tionierten Staat bilden dagegen, die Theorien der Gazette und der Quotidienne und die Interessen, welche sie verfechten, die Opposition. Es ist sehr natürlich, daß sie in dem übrigen Europa Anklang finden. Allein daß die Staaten nach diesen Ansichten eingerichtet, umgewandelt werden sollten, ist des­halb nicht zu erwarten. Der Stabilität der erblichen Aristo­kratie des alten Frankreichs setzte man allerdings eine größere freiere Bewegung, der unaufhörlichen wilden Bewegung des modernen setzt man eine größere Stabilität entgegen; aber nichtsdestominder geht doch die Entwicklung der Staaten ihren eigenen Gang und folgt ihrem eigenen Prinzip.

Wenn nun der revolutionäre Geist, der sich im Jahre 1830 in Frankreich so plötzlich wieder erhob, nach allen Seiten um sich gegriffen und alle seine Analogien, wie er sie während des allgemeinen Umsturzes sich selbst geschaffen, neuerdings belebt, an sich gezogen hat und in tausend Versuchen Europa zu revolutionieren hervorgetreten ist, so ist doch schwerlich zu fürchten, daß seine Bewegung nochmals eine allgemeine Umkehr hervorzubringen fähig sein werde.

Zwar wäre für die unvertilgbare französische Anmaßung, die Welt zu regieren, der revolutionäre Geist kein verächt­licher Bundesgenosse; auf allen Punkten der ehemaligen französischen Übermacht hat er sich gewaltig geregt und auf die Weltstellung des Augenblicks doch einen bedeutenden Einfluß gehabt. Aber einmal findet er notwendigerweise in sich selber seinen Widerstand; mit dem revolutionären Geiste allein kann kein Staat haushalten, sein Ursprung sei auch welcher er wolle, er kann ihn sich nicht über den Kopf wachsen lassen. Sodann aber brauchen wir nur zu betrachten, welche Wirkung aus seinen ersten Angriffen hervorgegangen ist. Hat er nicht wieder dazu dienen müssen, eine Nationalität zu erwecken, zu beleben, an deren Dasein man kaum glaubte? Dies Holland, das dem vorigen Anfalle der französischen Revolution so völlig unterlag, das darauf eine wenig be­deutende Provinz des Kaiserreichs bildete, wie hat es sich jetzt in dem Gefühle seines alten Ruhmes, seiner unvertilgbaren Bestimmung so mutig erhoben, so wacker gehalten! Allerdings ist das nicht ohne eine außerordentliche Festigkeit der Regierung und eine große freisinnige Hingebung der Nation, ohne eine Verschmelzung der beiderseitigen Inter­essen geschehen; aber eben dies gehört dazu, um Widerstand zu leisten; mit der Negation ist es nicht getan; Kraft muß man der Kraft entgegensetzen.

Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen, Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so zweifelhafte Förderung der Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind Kräfte und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwickelung er­blicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mit­gefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen. Sie blühen auf, nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, bestreiten, beschränken, überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich schließt, liegt das Geheimnis der Weltgeschichte.
»14

9. Fussnoten

1 University of California, eigene Übersetzung.
2 Vgl. White, Metahistory, S. 9-12 und 560.
3 Ebd., S. 83-84.
4 Vgl. ebd., S. 27-28.
5 Vgl. White, Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, S. 83-88.
6 Vgl. White, Metahistory, S. 297.
7 White, Metahistory, S. 563.
8 Lüsebrink, Tropologie, Narrativik, Diskurssemantik, S. 357. Ähnlich kritisch äussert sich Barberi, Clio verwunde(r)t, S. 87-88.
9 Vgl. White, Metahistory, S. 354. Droysen unterscheidet vier Formen der historischen Interpretation: die psychologische (Hauptaugenmerk auf die Akteure der Ereignisse, die pragmatische (kausale, Hauptaugenmerk auf die Ursachen von Ereignissen), die Interpretation der Bedingungen (teleologisch, gesellschaftliche, kulturelle, natürliche Faktoren hinter den Ereignissen), die Interpretation der Ideen (ethische, moralische Bewegungen, Ideenbildung).
10 Ebd., Anm. 5, S. 569 und White, Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, S. 73.
11 White, Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, S. 87-88.
12 Ebd., S. 88.
13 Ebd., S. 217-219 (vorkritische Elemente markiert von P.D.).
14 Ranke, Die grossen Mächte, S. 38-40 (Erklärungsstrategien unterstrichen von P.D.).

10. Exzerpte

Exzerpt von Whites Metahistory
Exzerpt von Whites Aufsatz Literaturtheorie und Geschichtsschreibung

11. Literatur

Barberi, Alessandro: Clio verwunde(r)t. Hayden White, Carlo Ginzburg und das Sprachproblem in der Geschichte, Wien 2000.

Kansteiner, Wulf: Hayden White's Critique of the Writing of History, in: History and Theory 32, Middletown 1993, S. 273-296.

Lüsebrink, Hans-Jürgen: Tropologie, Narrativik, Diskurssemantik. Hayden White aus literaturwissenschaftlicher Sicht, in: Küttler, Wolfgang u.a. (Hrsg.): Geschichtsdiskurs Band 1: Grundlagen und Methoden der Historiographiegeschichte, Frankfurt/M. 1993, S. 355-361.

Ranke, Leopold von: Die grossen Mächte. Fragment historischer Ansichten, Göttingen 1963.

White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt/M. 1991.

White, Hayden: Literaturtheorie und Geschichtsschreibung, in: Nagl-Docekal, Herta (Hrsg.): Der Sinn des Historischen. Geschichtsphilosophische Debatten, Frankfurt/M. 1996, S. 67-106.

Zill, Rüdiger: Die Tropen des Historischen. Hayden White und Hegel, in: Hegel-Jahrbuch 1995, Berlin 1996, S. 84-93.