Mittwoch, 1. Oktober 2008

Verschulden oder nicht verschulden? Die Finanzpolitik Frankreichs und Grossbritanniens im Vergleich

Frankreich und Grossbritannien verfolgten in den Napoleonischen Kriegen eine ganz unterschiedliche Finanzpolitik: Während Frankreich kaum neue Schulden aufnahm und sein Geld aus den eroberten Ländern schöpfte, führte Grossbritannien einen Krieg auf Kredit, nahm Staatsanleihen auf und druckte Banknoten, die es von der Bindung an einen Metallstandard löste.

Napoleon Bonapartes Verhältnis zu Grossbritannien war zwiespältig. Mit der ihm eigenen hochfahrenden Eloquenz bezeichnete er den beständigsten seiner Feinde als «Feind der ganzen Welt» und bezichtigte die englischen Minister eines «unverschämten Machiavellismus» und «abgrundtiefen Immoralismus». Über das englische Volk dagegen äusserte er sich versöhnlicher, und mehrfach bekundete er seinen Respekt für die englischen Institutionen.

Nach englischem Vorbild gründete er am 1. Februar 1800 die Banque de France. Napoleon war angetreten, Frankreich aus seiner finanziellen Misere zu retten; sein Staatsstreich, so schätzt man, ging einem Bankrott des Direktoriums um nur wenige Tage voraus. Es brauchte eine Bank, die die Kreditfähigkeit des Staates garantierte. Ihre Garantien blieben aber auf die Stadt Paris beschränkt, ein Zustand, den Napoleon später oft bedauerte, aber nicht ändern konnte. Die Schuldscheine und Banknoten der Banque de France waren nur in Paris im Umlauf – ganz im Gegensatz zu den Banknoten der englischen Zentralbank, die im gesamten Königreich einen Konkurrenzstatus zu den verschiedenen Noten der Privatbanken genossen.

Aufbau der Finanzverwaltung

Neben der Gründung einer neuen Bank straffte Napoleon in den ersten Monaten seiner Konsulatszeit die Steuer- und Finanzverwaltung. Aus politischen Rücksichten war er gezwungen, auf die Erhöhung der Direktsteuern zu verzichten, dafür erhob er eine indirekte 25-prozentige Grund- und Warensteuer. Diese Massnahmen reichten aber bei weitem nicht aus, das grosse Finanzloch zu stopfen. Die naheliegendste Lösung wäre gewesen, Staatsanleihen herauszugeben, was Napoleon aber aus mehreren Gründen vermied:

Das Misstrauen der französischen Bevölkerung gegenüber Papiergeld und Staatskrediten sass nach den schrecklichen Erfahrungen der Vergangenheit tief. Die Regierung nach Louis XIV hatte versucht, ihre Schulden mit Papiergeld zu decken. Als die private, von dem schottischen Bankier John Law gegründete Notenbank aber nach einer Spekulationsblase das Vertrauen ihrer Kunden verlor, büsste das Papiergeld sofort seinen Wert ein. Während der Revolution war es zu einem noch grösseren Fiasko gekommen: Die Revolutionäre gaben sogenannte assignats heraus; das war ein Papiergeld, das durch frühere Kirchenbesitztümer gedeckt wurde. Als immer mehr und mehr assignats gedruckt wurden, die gar nicht mehr gedeckt waren, kam es zu einer Hyperinflation: Die Papiere verloren gegenüber Silbermünzen im dreistelligen Prozentbereich an Wert. Daran änderte auch die Währungsreform von 1796 nichts, die 30 assignats zu einem mandat machte. Was fehlte, war das Vertrauen der Bevölkerung, und das konnten auch die strengsten Gesetze nicht wiederherstellen; die Bevölkerung zog es vor, mit Silbermünzen zu bezahlen.

In einem solchen Umfeld des Misstrauens war die Gefahr für die neue Regierung gross, dass die Staatsanleihen nicht – oder nur zu ungünstig hohen Zinsen – gezeichnet worden wären, was zu einem erheblichen Prestigeverlust geführt hätte. Ausserdem hatte Napoleon selber gegenüber Staatsanleihen Vorbehalte: Den Anleihen ist etwas Demokratisches eigen, das ihm missfiel: Sie sind Schulden und damit Verpflichtungen des Staates an jedermann, der sie erstehen kann.

Aus diesen Gründen gab Napoleon für die Dauer seiner Macht keine einzige zeitlich befristete Staatsanleihe heraus. Er borgte sich aber Geld von den Bankiers, und was er beibehielt, war das Rentensystem, das noch aus der Zeit des ancien régime stammte. Die rentes waren Staatsschulden, die am offenen Markt gehandelt wurden; der Kurs der Papiere spiegelte das Vertrauen der Anleger in die Regierung. Nach dem Staatsstreich Napoleons schnellten die Kurse hoch, ebenso als Napoleon ankündigte, die Renten künftig in Hartgeld auszuzahlen.



Empereur Napoléon: Goldmünze im Wert von 20 Francs aus dem Jahr 1806. © Numis AG Reussbühl

Napoleon fuhr eine rigorose Hartwährungspolitik. Die Banque de France durfte nur Banknoten herausgeben, die über 500 Francs an Wert besassen und vollständig durch Münzen gedeckt waren. In einer Währungsreform von 1803 legte er den genauen Münzfuss des Franc fest, der 125 Jahre lang Bestand haben sollte: Ein Francstück musste fünf Gramm wiegen und zu neun Zehnteln aus feinem Silber bestehen. Die 20- und 40-Francstücke mussten ein Verhältnis von 15.5 Gold- zu Silberanteilen haben. Der Franc war jetzt ein genau festgelegtes Kurantgeld, dessen Nennwert dem Metallwert entsprach.

Spekulation auf Sieg

Diese Massnahmen stärkten die Währung und das Vertrauen der Bevölkerung, sie waren aber sehr teuer. Wenn Napoleon kaum neue Steuern erhob und Schulden aufnahm, woher stammte dann das viele Metallmünz, das nötig war, um all seine kostspieligen Kriege und Projekte zu finanzieren?

Es wurde importiert. Mit den eroberten Feinden und Schwesterrepubliken ging Napoleon weniger sanft um als mit der eigenen Bevölkerung: Er legte ihnen so hohe Reparationszahlungen, Steuern, Abgaben und wirtschaftliche Restriktionen auf, dass sich die Kriege nicht nur selbst finanzierten, sondern die Grundlage für Frankreichs Wohlstand wurden. Napoleon spekulierte immer auf Sieg, und das wurde sein Verhängnis: Die harten Friedensbedingungen für die Besiegten forderten immer neue Kriege heraus, und als sich sein Geschick schliesslich wendete, stürzte Frankreich in eine schwere Wirtschaftskrise. Die Rentenkurse erreichten nach dem Frieden von Tilsit ihren höchsten Stand bei 93.40 Francs, gaben dann rasch auf 77 nach, um 1813, nach dem verheerenden russischen Feldzug, auf unter 50 Francs zu sinken.

Englands Kreditsystem

Diametral entgegengesetzt waren die Verhältnisse in Grossbritannien, jener Insel, die für Napoleon genauso natürlich zu Frankreich gehörte wie Korsika und Oléron. Die Französischen Kriege waren für England eine grosse finanzielle Belastung. Es konnte in keiner Phase des Kriegs auf Entschädigungszahlungen hoffen, im Gegenteil, es musste seine wechselnden Verbündeten finanziell unterstützen. Englands Truppen hielten sich bis zum Schluss niemals in Feindesland auf und konnten nicht einfach wie die französischen Truppen von der Kriegsbeute leben; sie waren auf Geld aus der Heimat angewiesen.

In dieser misslichen Lage vertraute Grossbritannien ganz auf sein bewährtes Kreditsystem. Seit 1688, dem Jahr der Glorreichen Revolution, borgte sich die Regierung alles Geld für ausserordentliche Zwecke in der Form von Langzeitanleihen, die am Londoner Kapitalmarkt gehandelt wurden. Wie die französischen rentes waren diese Anleihen untilgbar, das heisst der Staat musste sie nicht zurückzahlen, nur verzinsen, im Gegensatz zu den rentes genossen die englischen bonds aber ein grosses Vertrauen und machten einen unverhältnismässig höheren Anteil am Staatshaushalt aus als in Frankreich. 1816 betrug die Staatsverschuldung Grossbritanniens 250 Prozent der jährlichen Einnahmen.

Geld auf Vertrauen

Bis 1797 waren die Noten und Wertpapiere der Bank of England in Kurantmünzen umtauschbar. Als aber plötzlich Gerüchte über eine französische Invasion die Runde machten, kam es nach einem zweijährigen unaufhaltsamen Metallabfluss zu einem letzten Ansturm auf das harte Geld, dem die Bank of England nicht mehr standhalten konnte. Premierminister Pitt beantragte darauf zum ersten Mal in der englischen Geschichte die Einstellung der Umtauschgarantie.

Entgegen der Befürchtung von Ökonomen und politischen Gegnern wie David Ricardo kam es in der Folge dieses Entscheids zu keiner starken Entwertung des britischen Pfunds. Die Schatzkammer und Zentralbank bewiesen eine erstaunliche Umsicht, als sie auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Einnahmen aus Steuern und Anleihen achteten und die Anleihen mit einem hohen Zins belegten.

Zwar verlor das Pfund gegenüber Gold und den kontinentalen Währungen an Wert, doch nur in einem geringen Ausmass, das heute keine Notenbank mehr beunruhigen würde. Damals war der Wertverlust aber vielumstritten. Der Hauptgrund dafür, dass es zu keiner starken Inflation kam, war letztlich das Vertrauen, das sich die britische Regierung – im Gegensatz zu Frankreich – dank jahrhundertelanger innenpolitischer Stabilität erworben hatte. Um dieses Vertrauen nicht zu verlieren, führte sie sechs Jahre nach dem Krieg die Konvertibilität wieder ein.

Unverhofftes Vorbild

Obwohl die Regierung die Konvertibilität aus einer Notlage heraus abgeschafft und keinesfalls beabsichtigt hatte, ihre Kriegsschulden mit der Inflation zu bezahlen, machte das Experiment Schule: Grossbritannien war zwar nicht das erste europäische Land, das die Banknoten von der Metallbindung gelöst hatte; dieser Rang gebührt Schweden. Aber es hatte eindrucksvoll vorgeführt, wie erfolgreich diese Loslösung sein konnte. Seine Finanzpolitik während der Napoleonischen Kriege war das Vorbild all jener Staaten, die im 20. Jahrhundert den Goldstandard aufhoben und mit einer Politik der Verschuldung nicht nur Kriege, sondern ein scheinbar unbegrenztes Wirtschaftswachstum finanzierten.

In Napoleons Augen beruhte die englische Kreditwirtschaft auf sehr unsicheren Fundamenten, und er war der Idee verfallen, sie mit dem gewaltigen Projekt der Kontinentalsperre zu zerschlagen. Die Geschichte hat England Recht gegeben. Doch heute, in einer Zeit, in der die Inflation unerwartet stark ansteigt und eine schwere Finanzkrise die Märkte erschüttert, mehren sich wieder kritische Stimmen. Das billige Geld verleite die Banken zu hochriskanten Geschäften und führe eine Spekulationsblase nach der anderen herbei. Allerdings wird kein Staat mehr ernsthaft bereit sein, auf Kosten der allgemeinen Wohlfahrt die Liquidität zu reduzieren und weniger Schulden aufzunehmen als abzubauen.

Literatur

Crouzet, François: De la supériorité de l'Angleterre sur la France, Paris 1985.
Godechot, Jacques: Les institutions de la France sous la révolution et l'empire, Paris 1968.
O'Brien, Patrick: Central government and the economy, 1688-1815, in: Floud, Roderick und McCloskey, Donald (Hrsg.): The economic history of Britain since 1700, Vol. 1., Cambridge 1994, S. 205-241.
Silberling, Norman J.: Financial and monetary policy of Great Britain during the Napoleonic Wars, in: Quarterly Journal of Economic 38, Cambridge Mass. 1924, S. 214-233 und 397-439.