Dienstag, 9. September 2008

Jane Austen, Stolz und Vorurteil

1. Inhalt
2. Aufbau und Sprache
3. Literatur

Jane Austens grosser Roman Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil), der 1813 veröffentlicht wurde, behandelt einen Ausschnitt aus dem Leben der mittelständischen Familie Bennet mit ihren fünf Töchtern, die noch nicht verheiratet sind, aber verheiratet werden sollen.

1. Inhalt

«Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der im Besitze eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muß wie nach einem Weibe.» Mit dieser berühmten Sentenz eröffnet der Roman. Sie ist allgemein gehalten und leitet bald über auf ein spezifisches Ereignis der Familie Bennet in Longbourn: Ein wohlhabender junger Mann – Mr. Bingley – soll sich in der Gegend niederlassen, und Mrs. Bennet hofft bereits, dass er sich für eine ihrer Töchter näher interessieren wird.

Dieser Fall trifft wirklich ein: Auf einem Ball wird die älteste Bennet-Tochter Jane von Bingley klar bevorzugt, und die beiden entwickeln am ersten Tag ihrer Bekanntschaft eine stumme Zuneigung. Während Bingley der ganzen Gesellschaft gefällt, ruft sein Freund Mr. Darcy, dem sein Ruf, zehntausend Pfund im Jahr zu verdienen, vorausgeeilt war, durch sein schroffes und stolzes Benehmen allgemeines Missfallen hervor. Besonders Elizabeth, die zweitälteste Bennet-Tochter, die von Darcy herablassend als nur «leidlich hübsch» bezeichnet wird, fasst ein Vorurteil gegen ihn.

In diesem Vorurteil wird sie von einem schönen jungen Offizier, Mr. Wickham, bestärkt, der vorgibt, als Liebling von Darcys Vater von Darcy verachtet und hintergangen worden zu sein. Darcy hingegen findet an Elizabeth immer mehr Gefallen. Er lauscht ihren Gesprächen, in denen sie einen unwiderstehlichen Charme und Witz offenbart. Er fühlt, dass er in Gefahr wäre, stammte Elizabeth nicht aus niederer Herkunft.

Die Beziehung zwischen Jane und Bingley, beide vom gleichen naiven, liebenswürdigen Charakter, vertieft sich. Doch nach dem Ball in Meryton, an dem Mrs. Bingley lauthals die Vorteile, die eine Heirat zwischen beiden für sie und die ganze Familie haben wird, aufzählt, reisen die Bingleys und Darcy unvermittelt ab und kehren nach London zurück.

Mr. Collins, der Vetter von Mr. Bennet, der das Grundstück nach seinem Tod erben soll, stattet der Familie einen Besuch ab. Er erweist sich als überschwänglicher, pompöser und lächerlich selbstbezogener Mensch. Sein Heiratsantrag an Elizabeth, den diese mit Überzeugung ablehnt, ist der komische Höhepunkt des Romans. An ihrer Stelle heiratet Collins schliesslich Elizabeths Nachbarin und beste Freundin Charlotte.

Elizabeth gibt der Einladung nach, die beiden im Frühling zu besuchen. Collins ist der Günstling von Darcys Tante, Lady Catherine, und es begibt sich, dass Elizabeth auf Besuchen und Spaziergängen immer wieder Darcy begegnet. Schliesslich sucht er sie überraschend im Haus der Collins auf und macht ihr einen Heiratsantrag. Er habe lange mit sich gekämpft und die Schmach bedacht, die eine so unvorteilhafte Heirat bedeuten würde, aber er könne seine Gefühle nicht mehr länger unterdrücken. Elizabeth weist ihn mit dem Vorwurf ab, ihre heissgeliebte Schwester Jane von Bingley getrennt und Mr. Wickhams Glück zerstört zu haben. Nicht einmal wenn er sich wie ein Gentleman benommen hätte, hätte sie ihn erhört. Darcy, der völlig siegessicher war, verabschiedet sich mit gezwungener Freundlichkeit. Am nächsten Tag übergibt er ihr einen langen Brief, in dem er zwar gesteht, Bingley von Jane getrennt zu haben, weil er an Janes Neigung zweifelte, sich aber von jedem Vorwurf freispricht, Wickham ungerecht behandelt zu haben, dessen Charakter und Verhalten er glaubwürdig verurteilt.

Mit Darcys Brief beginnen sich Elizabeths Gefühle Darcy gegenüber zu verändern. Sie wirft sich vor, ihn vorschnell verurteilt zu haben und kann in Gedanken keinen Fehler in Darcys Verhalten entdecken, der ihre Vorurteile in der Vergangenheit bestätigt hätte. Auf einer Reise mit ihren Verwandten Mrs. und Mr. Gardiner besucht sie mehr widerwillig Darcys Gut Pemberley und ist von seiner Grösse und Schönheit beeindruckt. Obwohl ihnen versichert worden war, dass der Hausherr abwesend sei, treffen sie ihn auf dem Grundstück an. Sein Verhalten ist nicht wiederzuerkennen: Mit grösster Höflichkeit unterhält er sich mit Mr. Gardiner und zu Elizabeth ist er – trotz beiderseitiger grosser Verlegenheit – sehr freundlich.

Die Reise wird abrupt durch die Nachricht unterbrochen, die jüngste Miss Bennet, Lydia, sei mit Wickham durchgebrannt und nicht mehr aufzufinden. Mr. Bennet und Mr. Gardiner gehen beide nach London, um sie zu suchen, doch erst durch die heimliche Hilfe von Darcy – von der Elizabeth durch Mrs. Gardiner erfährt – werden die beiden gefunden und zur Heirat gezwungen.

Die erste Heirat der Bennet-Töchter ist erfolgt. Die zweite Heirat zwischen Jane und Bingley folgt kurz darauf und schliesslich auch die dritte und tiefste: zwischen Elizabeth und Darcy, die sich ihrer gemeinsamen Zuneigung endlich vergewissert haben.

2. Aufbau und Sprache

Auffällig an diesem epochalen Roman sind besonders seine sorgfältige Konstruktion und die heitere, witzige, mit subtiler Ironie gefärbte Sprache, die das versöhnliche Ende vorwegnimmt.

Der Roman gliedert sich in 61 kurze Kapitel, die vor allem durch Zeitsprünge und kurze Einschübe des Erzählers voneinander getrennt sind. Mehr Einschübe und Anmerkungen als nötig macht der Erzähler nicht; der Dialog ist das Stilmittel, das die Handlung vorwärtstreibt und die Charaktere offenlegt. Die zwei Heiratsanträge an Elizabeth bilden einen komischen und einen ernsten Klimax mit nachfolgender abflachender Handlung. Darcys Brief nach dem Heiratsantrag markiert den Beginn einer Selbstreflexion der beiden Protagonisten, durch die sie sich ihre gemeinsame Liebe erst verdienen.

Im Zentrum der Handlung stehen Figuren mit ihrer komplexen ideellen Begriffskultur. Stolz auf der einen Seite und Vorurteil auf der anderen verhindern eine einfache Annäherung der beiden Protagonisten Darcy und Elizabeth.

Aufgrund ihrer Ideale lehnt Elizabeth zwei Heiratsanträge ab (ihre Freundin Charlotte nennt sie deshalb «romantisch»): Ihrer Ansicht nach begründet nur die Liebe das Glück in der Ehe. Diese Ansicht wird aber als Vorurteil entlarvt, das sich auf die Frau beschränkt, als Elizabeth nichts Verwerfliches daran findet, dass Wickham einer reichen Frau nachstellt.

Vorurteile sind das eine grosse Sujet des Romans. Sie entstehen durch die einseitige Darstellung eines Sachverhalts. Elizabeth fasst ein Vorurteil gegen Darcy, nur weil sie Wickhams Perspektive einnimmt, und sie schenkt Wickham Glauben, nur weil er gute Manieren und ein schönes Aussehen hat. Die Einwände der gutmeinenden Jane gegen jeden Verdacht auf Böses, die sich ab und zu bewahrheiten, relativieren die Urteile der kritischen Elizabeth und lassen immer die Möglichkeit einer alternativen Version offen. Ein einfaches Beispiel eines Vorurteils, das auf einer einseitigen Perspektive basiert, ist folgende Szene: Elizabeth fragt Darcy fast ganz am Schluss des Buchs, warum er beim Essen mit Bingley und der Familie Bennet so verschlossen zu ihr war. «Weil Sie so ernst und schweigsam waren und mich nicht ermutigten.» «Aber ich war doch so verwirrt.» «Ich auch» (S. 554). Die Wahrheit ist immer die Summe aller Perspektiven.

Das andere grosse Sujet, das im Titel anklingt, ist der Stolz. Stolz bedeutet im Roman das übertriebene Standes- und Selbstbewusstsein. Nach dem ersten Augenkontakt mit Elizabeth meint Darcy: «Sie ist leidlich hübsch, aber nicht schön genug, um einen Menschen wie mich zu locken; und ich bin gegenwärtig nicht in Stimmung, jungen Damen, die von anderen Männern nicht beachtet werden, zu Ansehen zu verhelfen» (S. 18). Diese stolze Bemerkung hört Elizabeth und ist die erste Ursache ihres Vorurteils. Bis zum abgelehnten Heiratsantrag, der ihn innerlich erschüttert, ist sich Darcy der Überlegenheit seiner Herkunft und Bildung gegenüber Elizabeth immer bewusst. Erst als ihm Elizabeth sein schroffes Verhalten vorwirft, bemüht er sich, seinen Stolz zu überwinden. Am Ende sagt er: «Ich war mein ganzes Leben lang ein selbstsüchtiges Wesen in der Praxis, wenn auch nicht in der Theorie. Als Kind lehrte man mich, was recht sei, aber man lehrte mich nicht, mein Wesen zu bessern. Man hat mir gute Grundsätze gegeben, es aber mir überlassen, ihnen voll Stolz und Eigendünkel zu folgen. Als einziger Sohn [...] wurde ich leider von meinen Eltern reichlich verwöhnt, die [...] mich lehrten, selbstüchtig und anmaßend zu sein, mich um nichts zu kümmern, das außerhalb meines Familienkreises lag, vom Rest der Welt gering zu denken, zum mindesten es zu wünschen, gering von ihrem Einfluß, ihrem Wert zu denken im Vergleich zu meinem eigenen» (S. 537).

Ein wichtiges und bemerkenswertes Stilmittel in dem sorgfältig konstruierten Roman ist die Antizipation. Problemkreise wie Darcys Stolz, Elizabeths Vorurteile, oder Janes gespielte Gleichgültigkeit werden diskutiert und angedeutet, bevor sie zu handlungstreibenden Motiven werden. Elizabeth erinnert sich zum Beispiel mit Bitterkeit an Darcys Ausspruch, dass sein «Wohlwollen, einmal verloren, verloren für immer» ist (S. 85), als sie von Wickhams vermeintlichem Unglück hört.

Janes gespielte Gleichgültigkeit gegenüber Bingley wird zwischen Charlotte und Elizabeth schon früh diskutiert und ist der Grund von Darcys Annahme, sie sei nicht ernsthaft verliebt. Charlotte meint dazu: «Wenn eine Frau ihre Neigung mit der gleichen Geschicklichkeit vor dem Gegenstand, dem sie gilt, verbirgt, könnte es geschehen, daß sie die Gelegenheit verpaßt, ihn zu fesseln...» (S. 32-33).

Jane Austens Sprache ist schlicht und unmittelbar. Ein schönes Symbol ihres Kunstideals findet sich in der Beschreibung des Landguts Pemberley: «An der Vorderseite des Hauses lief ein ansehnlicher Bach entlang, groß angeschwollen, aber ohne künstliche Veränderung. Seine Ufer waren weder umgestaltet noch naturwidrig verziert. Elizabeth war entzückt. Sie hatte noch niemals vorher einen Ort gesehen, den die Natur so reich bedacht hatte oder dessen natürlicher Schönheit so wenig von plumpem Geschmack entgegengearbeitet worden war» (S. 355). Der Anspruch, weder moralisch noch sentenzenhaft zu sein, also ohne «plumpen Geschmack» wird im Roman durch die ironische Darstellung der ernsten Moraltante Mary Bennet untermauert. Der unprätentiöse Stil von Stolz und Vorurteil steht zwischen Aufklärung und Romantik und verweist auf den bürgerlichen Realismus.

3. Literatur

Austen, Jane: Stolz und Vorurteil. Übersetzt von Ilse Krämer. Zürich 1948.

http://www.sparknotes.com/lit/pride/ Study Guide von SparkNotes

http://humanscience.wikia.com/wiki/Pride_and_Prejudice Digitale Ausgabe von Pride and Prejudice mit Kommentaren auf der Grundlage der Philosophie von Sri Aurobindo

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

wow! super zusammengefasst und analysiert. hat mir echt geholfen. danke ;)

Anonym hat gesagt…

Das stimmt, ich lese das Buch gerade in englisch und muss eine Zusammenfassung schreiben.
Hat mir echt geholfen, vielen dank!!

Anonym hat gesagt…

Gut, aber etwas oberflächlich. Literatur? Abgesehen von der deutschen (!) Primärliteratur verwenden Sie lediglich die populärwissenschaftliche Sparknotes, die man wirklich nicht in einer "Arbeit" verwenden sollte. Unter dem Strich: Eine deutsche Ausführung von Sparknotes mit ein paar Zitaten.

Anonym hat gesagt…

Oh vielen vielen Dank!
Der "Kommentar" über die Sprache und die Analyse hat mir SEHR geholfen! Also nochmals vielen Dank!
Liebe Grüße

Anonym hat gesagt…

Vielen, vielen Dank für die beeindruckende Analyse! Wird mir an meiner mündlichen Prüfung eine grosse Hilfe sein, zumal es leider nirgendwo eine Erläuterung zu dem Buch gibt ...

Pia hat gesagt…

Das hat mir meine Buchpräsentation gerettet !
Danke,danke,danke !