Donnerstag, 14. August 2008

Napoleon in Krieg und Frieden

Leo Tolstois grosser Roman Krieg und Frieden beschreibt die napoleonischen Kriege zwischen 1805 und 1813 vorwiegend aus der Sicht des russischen Adels. Bei aller Grösse des Werks nimmt sich die Figur Napoleons, mit dessen Namen diese Kriege gemeinhin verbunden werden, auffällig klein aus.

Zwar fällt sein Name oft und in jedem Gespräch über den Krieg, aber Napoleons Rolle ist in mehrerer Hinsicht eine geringe: In den wenigen Stellen des Romans, in denen er auftritt, wird er als ein Mensch geschildert, der sich und seine Bedeutung für den Krieg masslos überschätzt. Er erscheint auch gering an charakterlichen Tugenden: Es fehlen ihm die Wahrheitsliebe, Natürlichkeit und Aufrichtigkeit der Protagonisten des Romans.

In meiner Arbeit befasse ich mich mit den möglichen Ursachen für die charakteristische Darstellung Napoleons in Krieg und Frieden. Sie verweist auf die grundlegende zweigeteilte Struktur des Romans, die schon im Titel enthalten ist:


Die beiden Pole Frankreich - Russland sind nicht einfach mit blossen Nationalismen gleichzusetzen, denn die meisten Figuren des Romans, gleich welcher Nation sie angehören, vereinen in sich nicht nur die Eigenschaften einer einzigen Reihe, sondern sind ambivalent.

Nicht so die Figuren Napoleon und Platon Karatajew. Sie sind die zwei Extreme im Roman, die die beiden entgegengesetzen Pole wesentlich definieren. Napoleon gehört fast ausschliesslich der linken Reihe an, während Platon Karatajew, ein Bauer, der alles verkörpert, «was gut und harmonisch im russischen Volk ist» die rechte Reihe definiert.

Napoleon kommt im Roman also eine wichtige strukturelle Funktion zu, und seine negative Darstellung ist nicht einfach auf Tolstois Neigung zurückzuführen, die grossen Gestalten der Literatur und Geschichte zu dekonstruieren.

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